Journalismus im Fernsehzeitalter · Das Jahrhundert des Journalismus

Im Internetzeitalter mit all den neuen „sozialen“ Medien wirkt auf einmal das vormals neue Medium Fernsehen mit seiner Linearität alt. Doch kommt mit dem Alter auch ein gewisses Ansehen. Jürgen Habermas (2022) etwa reiht in seinem neuen Strukturwandel der Öffentlichkeit, das Fernsehen ein in die Liga der ehrenwerten „alten Medien“ wie „Presse, Radio, oder Fernsehen“ und betont ihre produktive „Rolle der journalistischen Vermittlung und Gestaltung von Programmen“, gerade im Gegensatz zu den „neuen Medien“ (Habermas, 2022, S. 44) des 21. Jahrhunderts. Diese Erzählungen einer bedrohlichen potenziellen Abkehr von einer gesamtgesellschaftlichen Integration durch Massenmedien ist erstaunlich. Denn gerade das Fernsehen, das man nun als Lagerfeuer (siehe weiter oben) so schmerzlich vermisst, war Zielscheibe harter Kritik und Auslöser von fundamentalem Kulturpessimismus, gerade auch in Habermas ursprünglichem Strukturwandel der Öffentlichkeit (Habermas, 1962).

Müsste man dem Fernsehjournalismus ein Gesicht geben, es könnte sehr gut jenes von Günther Jauch sein, das vielleicht prominenteste und beliebte Fernsehgesicht der Deutschen. Im Februar 2025 hatte er gemeinsam mit Pinar Atalay bei RTL das sogenannte Quadrell moderiert. Und vor die Wahl gestellt, ob denn nun Friedrich Merz, Olaf Scholz, Alice Weidel oder Robert Habeck die neue Regierung anführen solle, würden vermutlich nicht wenige Menschen für Günter Jauch votieren.

Werbung mit für Das Quadrell 2025 mit Günter Jauch und Pinar Atalay

Jauch ist eine eigene Fernsehmarke, eine personal brand. Jauch moderiert nicht nur politische Talkformate, wie die nach ihm benannte ARD-Talkshow, die von 2011 bis 2015 immer um 21:45 im linearen Fernsehen nach dem Tatort am Sonntag ausgestrahlt wurde. Mein Kollge Klaus-Dieter Altmeppen nannte Jauch bereits 2005 den „Prototyp des neuen Medienschaffenden“, der „als Informationsjournalist stern-tv präsentiert“, aber auch „den Unterhalter gibt als Moderator von „Wer wird Millionär?“ und damit auch „Prototyp für Cross-Marketing und Cross-Promotion ist, wenn er Kandidaten seiner Quizshow in die Sendung stern-tv einlädt“ (Altmeppen, 2005, S. 75). Altmeppen klagte über das „allmähliche Verschwinden des Fernsehjournalismus“ (Altmeppen, 2005, S. 89). Und vielleicht gibt es heute fast so viele TV-Köche wie TV-Journalisten vor der Kamera.

Das Fernsehen ist jedenfalls kein genuin journalistisches Medium und in den 2010er Jahre galt einigen der Fernsehjournalismus als das „Schmuddelkind des Journalismus“ (Renner, 2007, S. 11), gerade wegen seines enormen Einflusses. So begründete mein Doktorvater Siegfried Weischenberg seinen Abgesang auf das Jahrhundert des Journalismus 2010 damit, dass sich der gesamte Journalismus dem Fernsehen unterworfen habe (Weischenberg, 2010, S. 48). Aber das Fernsehen war nicht nur Leitmedium des Journalismus und im Alltag, sondern auch im Politischen und somit auch das Leitmedium der Medialisierung der Politik. Damit ist gemeint, dass sich die Politik in einem Maße an den Medien und insbesondere am Fernsehen orientierte, dass dies als Unterwerfung der Politik unter die Medien beschrieben wurde. Für den Prozess einer fortschreitenden Medialisierung der Politik hat der schwedische Kommunikationswissenschaftler Jesper Strömbäck 2008 ein Phasenmodell vorgelegt, welches darin mündet, dass die Politik in einer vierten Phase durch die Medien kolonialisiert (Meyer, 2001) wird. Deutlich wird hierbei, dass es sich mit Unterwerfung und Kolonialisierung jeweils um unterschiedliche Stoßrichtungen des gleichen Phänomens handelt. Eine Anpassung des politischen Systems an die Medien kann schwerlich von den Medien erzwungen werden. Wohl aber können handelnde Politikerinnen und Politiker einen Zwang empfinden, sich dem Fernsehen anzupassen.

Der Journalismus ist zu dieser Zeit aber vor allem vom Print dominiert. Von den 48.380 hauptberuflichen Journalistinnen und Journalisten arbeiteten 2004/05 gut 17.000 bei Zeitungen, knapp 9.500 bei Zeitschriften und noch einmal knapp 3000 bei Anzeigenblättern. Bei Agenturen und Mediendiensten waren et 1.500 beschäftigt, 8.000 beim Hörfunk und „nur“ gut 7.000 beim Fernsehen. Die Onlinemedien wurden damals separat erhoben. Dort arbeiteten knapp 2.500 Journalistinnen und Journalisten (Weischenberg et al., 2006b, S. 349).

In dieser Zeit zeigen unsere Zahlen vor allem Stabilität an. Die meisten der untersuchten Zeitungen weisen einen Anteil von über 50 Prozent an Texten auf, die den Pyramidenprinzip folgen, Onlineausgabe des Kölner Stadt-Anzeigers immerhin bei über 40 Prozent. Die Süddeutsche Zeitung und welt.de liegen darunter. Hier deutet sich bereits die Veränderung der Nachrichtenstruktur im digitalen Journalismus an.

Aber kommen wir nochmal zurück zur Bedeutung des Fernsehens und insbesondere der Polittalksendungen. Damals sprach man von der Talkshowisierung der Politik. Friedrich Merz (CDU), seit 2025 Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, hatte 2003 bei Sabine Christiansen gesagt: „Die Sendung bestimmt die politische Agenda in Deutschland mittlerweile mehr als der Bundestag.“ (Merz zitiert nach Paul, 2020, S. 240, vgl. Rossum, 2004). Die Talksendung Sabine Christiansen startete 1998 mit der namensgebenden Moderatorin und blieb tonangebend im politischen Betrieb bis 2007, also über die gesamte Ära Schröder und bis in die Anfangsjahre der Kanzlerin Angela Merkel. Die Sendung lief ebenfalls immer sonntags nach dem Tatort und war damit auch Vorgängerin zunächst von Anne Will (2007-2011 und 2016-2023) und dann der Sendung von Günther Jauch, die 2011 bis 2015 lief.

1998 gelang Jauch gemeinsam mit Marcel Reif ein sportjournalistisches Highlight, als bei der Champions League-Partie zwischen Real Madrid und Borussia Dortmund noch vor dem Anpfiff eines der beiden Tore umgefallen war. Die anschließende 76-minütige Wartezeit überbrückten die beiden RTL-Moderatoren mit Sätzen wie „Dem Spiel würde ein Tor guttun“ (Reif) und „Für alle die die nicht rechtzeitig eingeschaltet haben: Sie haben etwas verpasst. Das erste Tor ist schon gefallen“ (Jauch).

Schließlich war 1998 das Jahr, in dem Pierre Bourdieus Über das Fernsehen auf deutsch erschien (Bourdieu, 1998). Wir können es einordnen in eine Reihe von medienkritischen und damit vor allem fernsehkritischen Büchern wie der Mediokratie von Thomas Meyer mit der bereits angesprochenen „Kolonialisierung der Politik durch die Medien“ (Meyer, 2001) und dem Medienkanzler von Richard Meng über das „System Schröder“ (Meng, 2002).

Hatten wir weiter oben von der Verweiblichung des Journalismus gesprochen, auch wenn noch ein weiter Weg zu gehen ist, so ist die Zeit des Kanzlers Gerhard Schröder und seines Vorgängers Helmut Kohl eine Zeit von dominanten Männerfiguren, die sich zum Teil durch einen unangenehmen Chauvinismus auszeichneten. Schröder hatte 1998 das Ministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend abgekürzt mit „Familie und Gedöns“, was er später im Interview mit der Welt am Sonntag bereute. Und er meinte, er brauche zum Regieren „nur BILD, BamS und Glotze“, was ihm dann wiederum im Interview mit BILD leidtat. Das ist die Quintessenz einer dysfunktionalen Medialisierung der Politik. Diese führte dann dazu, dasss auch im Journalismus einige sogenannte Alpha-Journalisten (Weichert & Zabel, 2007, 2009; Weischenberg, 2010, S. 48) ihre Rolle missverstanden und weniger kritisch beobachteten als vielmehr aktiv mitmischen wollten. Wir haben der Kanzlerin und den Kanzlern in der SPIEGEL-Story ( hier geht’s zum SPIEGEL als Jahrhundertinstitution) ebenfalls ein Kapitel gewidmet. Darin geht es auch darum, dass Helmut Kohl, der Vorgänger von Schröder, tatsächlich in den 16 Jahren seiner Kanzlerschaft (1982-1997) dem SPIEGEL nicht ein einziges Interview gegeben hat.

Gegen Ende von Kohls Regierungszeit ist von Herbert Riehl-Heyse (1995) das Buch Götterdämmerung mit dem Untertitel Die Herren der öffentlichen Meinung erschienen, in dem er unter anderem Reinhard Mohn porträtiert. Er war langjähriger Chef des Bertelsmann-Konzerns, also mehr als eine große Verlegerpersönlichkeit, heute könnten wir auch Medientycoon sagen. Und vergegenwärtigen wir uns die Diskussionen über den weltweiten Medieneinfluss von Elon Musk oder Mark Zuckerberg mit ihren Plattformen im 21. Jahrhundert, so hat Riehl-Heyse eine entsprechende Dystopie über Reinhard Mohn geschrieben, hätte dieser sich wie der Mediengewaltige Silvio Berlusconi verhalten:

„Hätte Mohn eine Vision vom alleinseligmachenden Glauben, von der einzig möglichen Art, die Staaten zu regieren, und versuchte er, sie durchzusetzen mit Hilfe all der in seinem Namen und mit seinem Geld entstehenden Videofilme und Bestseller und Illustriertenserien: Die Welt hätte einen neuen Chefideologien mit Zugriff auf Propagandamittel, wie sie Goebbels und Stalin gemeinsam nicht zur Verfügung standen.“

(Riehl-Heyse, 1995, S. 157)

Die Sorge vor übermächtigen Medienmännern war schon in den 1990ern da. Man fürchtete durch die gebündelte Medienmacht aus Fernsehsendern und Printprodukten eine Meinungsmacht, die aber zumeist auf jeweils nationale Medienmärkte und Mediensysteme beschränkt blieb. So fürchtete man tatsächlich damals, das Modell Berlusconi könne in Europa Schule machen. Silvio Berlusconi war ein italienischer Bauunternehmer, der sich den Fußballverein AC Milan und diverse Fernsehsender und weitere Medien kaufte und schließlich mehrfach italienischer Ministerpräsident wurde, erstmals 1994.

Vor diesem Hintergrund versprach das World Wide Web, das sich seit Beginn der 1990er Jahre um den Globus legte, zunächst eine wahre Deliberation und eine neue Vielstimmigkeit, wo vielfach ein Meinungsmonopol befürchtet wurde. 1994 gilt als Startschuss für den Online-Journalismus, auch weil der SPIEGEL damals als eines der ersten Nachrichtenmedien weltweit online ging ( hier geht’s zum SPIEGEL). Es ist aber zugleich auch der Moment, indem der Journalismus sein Monopol auf die gesellschaftliche Selbstbeobachtung und den Zugang zum öffentlichen Meinungsmarkt verlor.

Davon war bei der ersten der hier regelmäßig präsentierten Studien zum Journalismus in Deutschland noch nichts zu spüren. Der Journalismus war damals empirisch weniger erforscht als heute, gerade erst waren die Studien zum American Journalist (siehe oben) nach Deutschland gelangt und fanden nun in den Studien von Weischenberg und seinen Kollegen ihre erste Anwendung auf Deutschland. Für 1993/94 kamen sie auf etwa 54.000 hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten, darunter ca. 18.000 Freie (Weischenberg et al., 1993, 1994). Verglichen mit heute, wurde der Journalismus in Deutschland Mitte der 1990er Jahre vielleicht als sowas wie eine unbekannte Größe wahrgenommen. Den Medienmenschen wurde ein nicht unerheblicher Anteil etwa an der politischen Meinungsbildung zugeschrieben, aber eben mehr vermutet als nachgewiesen.

Spannend ist zu erwähnen, dass damals schon von einer Technisierung gesprochen wurde, die den Journalismus als Beruf grundlegend verändern würde. Von heute aus betrachtet kann man dies einerseits als besonders weitsichtig betrachten, andererseits aber auch als wiederkehrendes Trendmuster. Denn wenn wir wie in diesem Projekt in einer langfristigen Perspektive auf den Journalismus schauen, so werden neben dem Wandel auch die vielfältigen Kontinuitäten deutlich.

In unserem Zahlen ist 1994 auffällig, dass bei den großen deutschen Leitmedien im Print, der Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) und die Süddeutsche Zeitung (SZ) unter 40 Prozent der Artikel dem Pyramidenprinzip folgen. Das kann eigentlich noch kein Effekt des damals gestarteten Internets sein, sondern kann seine Ursachen eher in der Konkurrenz durch das Privatfernsehen haben. Dagegen liegen die Lokalzeitungen bei über 50 Prozent und das Neue Deutschland nur knapp darunter.

Denn 10 Jahre zuvor, 1984, hatte in Deutschland das Privatfernsehen begonnen und ist seither in seinen Auswüchsen Gegenstand permanenter Kulturkritik. So hält Riehl-Heyse dem von ihm porträtierten Reinhard Mohn vor, dass sein Bertelsmann-Konzern „ein wichtiger Anteilseigner bei jenem Sender ist, der sich seinen Platz in der Gewinnzone der Privaten erst einmal mit der Ausstrahlung der banalsten Sexfilme erobert hat, die von den deutschen Gesetzgebern gerade noch geduldet werden“ (Riehl-Heyse, 1995, S. 157-158). Er zielt damit auf das Nachtprogramm des Senders RTL ab, das zu später Stunde Erotikfilmchen Quote machte. Der Sozialhistoriker Hans Ulrich Wehler spricht davon, dass durch die Privatisierung ein „abschreckend-anziehendes Unterklassen-Programm“ entstanden sei (Wehler, 2008, S. 397). Der Medienhistoriker Werner Faulstich wiederum spricht von der „Kommerzialisierung und Trivialisierung des Fernsehens“ (Faulstich, 2012, S. 376).

Die Einführung von Privatrundfunk war natürlich nie ein journalistisches Projekt. Aber es war ein von den Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern vorangetriebenes Projekt in der berechtigten Hoffnung, mit privatem Fernsehen und Radio viel Geld verdienen zu können. Und wenn sie später dann das Internet für die Zeitungskrise verantwortlich machen wollten, so zeigt sich doch, dass der Sinkflug der Zeitungsauflagen in Deutschland mit der Einführung des Privatfernsehen 1984 begann.

Abbildung 5.14: Die Entwicklung der Auflage deutscher Tageszeitungen. Bildquelle: Faz.net. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/zeitungen-in-der-krise-medienwandel-und-internet-13089556/die-auflage-deutscher-13089615.html.

Wir können hier von einem Wandel der deutschen Verlage hin zu reinen Medienkonzernen sprechen, die sich immer weniger als finanzielle Träger des Journalismus betrachten. Das ist ein langsamer und keinesfalls unumkehrbarer Prozess, der dennoch den Journalismus mittlerweile, in den 2020er Jahren, zunehmend existenziell bedroht. Den Anfang nimmt es 1984. Allerdings wäre es unfair, allein den Medienunternehmen die Schuld an Sinkflug des Journalismus in den 1980er Jahren zu geben. Es sind die Jahre der großen Journalismusskandale um das Gladbecker Geiseldrama und um die Hitler-Tagebücher und den toten Uwe Barschel in der Badewanne, jeweils auf den Titelseiten des Stern.

Das Gladbecker Geiseldrama von 1988 endete schrecklicherweise mit dem Tod der Geiseln Silke Bischoff und Emanuele de Giorgi sowie des Polizisten Ingo Hagen. Es gilt als dramatisches Polizeiversagen und als „das wohl deutlichste Beispiel für die Mißachtung journalistischer Standards“ (Weischenberg, 2004, S. 213). Die Journalisten führten zahlreiche Interviews mit den Geiselnehmern und zeigten die Waffen an den Köpfen der Geiseln, behinderten die Polizeiarbeit und ließen jegliche journalistische Distanz vermissen (hier gibt es weiterführende Informationen des NDR).

Im Jahr zuvor war im nördlichsten Bundesland Schleswig-Holstein der CDU-Ministerpräsident Uwe Barschel in den Verdacht geraten, er würde mit „schmutzigen Tricks“ gegen seinen Herausforderer Björn Engholm kämpfen. So hatte der SPIEGEL (hier geht’s zur Jahrhundertinstitution SPIEGEL) in seiner Titelgeschichte berichtet und war dafür von der Konkurrenz, unter anderen von der ZEIT, scharf kritisiert worden. Die Medien waren also bereits involviert in diesem Politikskandal (hier gibt es weiterführende Informationen vom NDR). Weil jedoch der Stern-Reporter Sebastian Knauer in das Genfer Hotelzimmer von Barschel eindrang und den dort tot in seiner Badewanne liegenden Politiker fotografierte, wurde daraus ein Medienskandal und schließlich eine Wegmarke in der deutschen Journalismusgeschichte.

Wie bereits weiter oben bezüglich BILD erwähnt, muss eine Grenzüberschreitung nicht zwangsläufig die Grenze verschieben, sie kann sie sie auch markiert und damit deutlich machen. In der ZEIT etwa klagte Marion Dönhoff Knauer an. Zurecht kann man Knauers Verhalten als Mensch und als Journalist als falsch einstufen. Medienethisch ist jedoch nicht nur der einzelne Reporter verantwortlich, sondern ebenso die Chefredaktion, das Medienunternehmen Stern, sowie der dahinterstehende Verlag und damit insgesamt das Mediensystem als solches. Doch die Systemfrage stellen Medien und Journalismus ungern, wie wir im Fall Relotius beobachten konnten Übrigens könnte auch das Publikum für die Nachfrage nach entsprechenden Skandalen und sensationsgeifernden Bildern verantwortlich gemacht werden. Hier können wir also nach Pürer (2015, 88-101, vgl. auch Pürer, 1992; Weischenberg, 2004; Brosda, 2010) grob zwischen

unterscheiden (zu Medienethik siehe vertiefend das Buch von Schicha und Brosda (2010). Ein besonderer Fall war einige Jahre zuvor der Skandal um die gefälschten Hitler-Tagebücher. Kurz nachdem der Stern 1983 die Sensation vermeldete, man habe die Tagebücher von Adolf Hitler, musste man auch schon zugeben, dass man dem Fälscher Konrad Kujau aufgesessen sei (hier finden sich weitere Informationen beim NDR). Sämtliche Instanzen versagten damals, angefangen vom Reporter Gerd Heidemann und dem Ressortleiter Zeitgeschichte Thomas Walde, die bewusst die Chefredaktion zunächst nicht informierten, bi hin zu Verlagsleiter Gerd Schulte Hillen (Gruner + Jahr) und dem bereits erwähnten Bertelsmann-Chef Reinhard Mohn. Stern-Herausgeber Henri Nannen entschuldigte sich bei den Leserinnen und Leser. Die Affäre ist nicht nur umfangreich aufgearbeitet sondern auch amüsant aufbereitet worden in dem Film Schtonk! von Helmut Dietl.

1984 ist der nächste Messpunkt in unserer Datenerhebung gewesen. Dabei zeigt sich, dass die untersuchten westdeutschen Zeitungen zumeist über oder knapp unter 50 Prozent Artikeln liegen, die dem Pyramidenprinzip folgen. Die ostdeutsche Zeitung Neues Deutschland liegt knapp über 40 Prozent, die anderen Zeitungen um die 50 Prozent und zum Teil deutlich darüber.

Die Jahre vor 1984, als das Privatfernsehen eingeführt wurde, waren Jahre der journalistischen Stabilität und des Wachstums, allerdings auch von Konzentrationsprozessen im Pressewesen, in deren Zuge es zu einer Verringerung der Zahl der Anbieter kam. Das bedeutet, dass es damals zu einem Anstieg der so genannten Einzeitungskreise von 15% auf 45% kam, die dann zwischen 1992 und 2026 noch einmal drastisch zugenommen hat, wie wir dem Wüstenradar des Netzwerk Recherche entnehmen können.

Das bedeutet, dass es in Deutschland immer mehr Kreise gibt, in denen es nur noch eine Zeitung gibt, es also keine lokaljournalistische Konkurrenz gibt. Lokaljournalismus aber ist wichtig für die Demokratie, vor Ort und auch im Ganzen. Das zeigt sich in den USA, wo es mittlerweile Gemeinden ganz ohne Tageszeitung gibt. Während wir noch keine solche Zeitungswüsten in Deutschland haben, ist die Sorge vor einer Versteppung der lokaljournalistischen Landschaft in Deutschland nicht unbegründet. Begonnen hat dieser Prozess allerdings bereits in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik.

Derweil boomte das Fernsehen, und insbesondere das Privatfernsehen war jedoch, wie oben gezeigt, in seiner Wirkung auf die Gesellschaft und insbesondere auf die Politik vielschichtig kritisiert worden. Denn die mit der Privatisierung einhergehende Ökonomisierung des Mediensystems wurde weitergedacht als „Kolonialisierung der Politik durch das Mediensystem“ (Meyer 2001: 10) und damit als vierte Phase der Medialisierung (Strömbäck 2008: 240). In dem bereits erwähnten Modell meines schwedischen Kollegen Strömbäck (2008) war der vierten Phase eine dritte vorausgegangen (Strömbäck, 2008, S. 238) in welcher die Dominanz im Verhältnis von Politik und Medien kippt und als Beginn des Kippens können die 1980er Jahre angesehen werden. In dieser und der vorherigen zweiten Phase können wir insgesamt von einem Gleichgewicht der Kräfte (Birkner, 2018) sprechen, in dem sich Medien und Politik auf Augenhöhe begegneten. Und das lag tatsächlich an einer zunehmenden Bedeutung des Journalismus in der Gesellschaft.

Mit Blick auf die verkaufte Auflage sehen wir den Peak des Printjournalismus zu Beginn der 1980er Jahre. Die sozialliberale Ära hatte mit Helmut Schmidt und zuvor Willy Brandt Politiker ins Kanzleramt gebracht, die zeitweise journalistisch tätig waren und die Funktionsweisen der Medien ihrer Zeit verstanden und die Rolle der Journalistinnen und Journalisten in der Gesellschaft akzeptieren. Hier geht zu Porträts der deutschen Kanzler von Merz zurück bis Adenauer im SPIEGEL.

An unserem Zahlen für 1974 sticht vor allem die ostdeutsche Zeitung Neues Deutschland mit unter 30 Prozent Artikeln, die dem Pyramidenprinzip folgen (in Prozent) heraus. Würde man rein chronologisch von 1954 bis 1974 auf die Zahlen schauen, könnte man den Niedergang dieser Form des Nachrichtenschreibens im DDR-Journalismus diagnostizieren. Doch die Zahlen steigen 1984 wieder und der Mittelwert des Neuen Deutschland für die Jahre 1954 bis 2024 liegt bei 40,92 Prozent fast identisch mit jenem der Süddeutschen Zeitung im gleichen Zeitraum: 40,52 Prozent.

Auch im DDR-Journalismus steht die Nachricht „in der Rangfolge der journalistischen Genres […] an erster Stelle“, vor allem allerdings als „besonders scharfe und unerlässliche Waffe im ideologischen Klassenkampf“, so zitiert Daniela Grobe 1994 in ihrer Dissertation aus der einschlägigen Fachliteratur der Karl-Marx-Universität in Leipzig (Grohe, 1994, S. 8; vgl. Blumenauer, 1988, S. 94; Röhr, 1983, S. 9). Denn anders als im Westen, wo die Unparteilichkeit zum Anspruch an die Nachricht gehöre (Grohe, 1994, S. 33; vgl. Weischenberg, 1988, S. 16), sei das „Prinzip der Parteilichkeit“ im sozialistischen Journalismus der DDR „das zentrale Prinzip“ (Grohe, 1994, S. 45; Hervorhebung im Original). Der Journalismus gehörte in der DDR „anders als in westlichen Gesellschaften immer zum politischen Feld“ (Meyen & Fiedler, 2011, S. 11), weshalb wir ihn hier besonders betrachten wollen, aber nicht losgelöst, sondern eingebettet in die gesamtdeutsche Journalismusgeschichte.

Journalismus in der DDR

Das Neue Deutschland war die große Zeitung der DDR und eine der wenigen, die die Übernahme der ostdeutschen Medien durch Westverlage überlebt hat. Eine weitere Zeitung mit ostdeutscher Biografie ist die Berliner Zeitung, die 2025 ihren 80. Geburtstag gefeiert hat und die durch ihren streitbaren Verleger Holger Friedrich immer wieder selbst Gegenstand journalistischer Berichterstattung ist. Die Zeitung hat in den Dekaden seit der deutschen Wiedervereinigung eine sehr bewegte Geschichte hinter sich. In ihrem Buch Ein Ost-West-Labor – die Redaktion der Berliner Zeitung zwischen 1989 und 2020 unterteilen meine Kolleginnen Maria Löblich und Elisa Pollack (2025) insgesamt sieben Phasen, die wir hier, unserer Logik entsprechend, rückwärts auflisten. Damit geben wir zugleich einen zugegebenermaßen unsystematischen Überblick über das gesamtdeutsche Mediensystem in den vergangenen fast vierzig Jahren. Dabei ist ein jüngerer Trend hin zu Eigenmarken und eigenen Verlagen, auch wieder Verlegerpersönlichkeiten zu erkennen. Zuvor waren größere Verlagsverbünde dominant, zum Teil auch ausländische Investoren. Mal gehörte die Berliner Zeitung dem Kölner DuMont-Verlag, dann zur britischen Mecom-Gruppe und vorher zu Gruner + Jahr. Die wechselvollen Besitzverhältnisse der Berliner Zeitung spiegeln die Dynamiken des deutschen Mediensystems gut wieder, werden bei Löblich und Pollack zudem noch mit unterschiedlichen Phasen des Diskurses über die DDR-Vergangenheit in der Redaktion verknüpft:

7. Phase: Mit der Übernahme des Verlags durch die ostdeutschen Eigentümer Holger und Silke Friedrich sei ab 2019 die Abkehr vom Diktaturdiskurs zu „einem Teil des ökonomischen und publizistischen Programms“ geworden (Löblich und Pollack, 2025, S. 398). Das zeigte sich vor allem darin, dass Holger Friedrich in der Berliner Zeitung „die kollektive Stigmatisierung Ostdeutschlands in den öffentlich-rechtlichen Medien anprangerte“ (Löblich & Pollack, 2025, S. 340).

6. Phase: Zuvor war bereits eine „neue Aufmerksamkeit für den Osten“ erwachsen und „das Thema DDR als Marktchance ausgemacht“ worden. Allerdings hatte es unter dem Kölner DuMont Verlag seit 2009 auch „massive Sparmaßnahmen, Entlassungswellen und eine Zerschlagung von Redaktion und Identität“ gegeben (Löblich & Pollack, 2025, S. 398).

5. Phase: Personalabbau hatte man auch unter der britischen Mecom-Gruppe von 2005 bis 2009 befürchtet. Doch die Redaktion „wurde wider Erwarten kaum ausgedünnt“, obwohl die Vorgabe wohl vor allem Rendite war.

4. Phase: Die Phase im Besitz von des westdeutschen Verlags Gruner + Jahr zerfällt eigentlich in drei Phasen, wobei die dritte Phase inklusive eines Holtzbrinck-Interims ab 2002 von einem Sparkurs geprägt ist, während zugleich der „Lesermarkt der sogenannten neuen Berliner Mitte“ erobert werden soll: „Ost-West-Unterschiede galten als erledigt, und das Thema DDR, so die Signale der Chefredaktion Anfang der 2000er-Jahre, bedurfte keiner weiteren Beschäftigung.“

3. Phase: „Ab Mitte der 1990er Jahre stellte Gruner + Jahr viel Geld bereit, um in Orientierung an westdeutschen Leitmedien ein Prestigeblatt aufzubauen. Mit einem österreichisch/westdeutschen Führungsgespann und zweier neuer Politikredakteure wird der angesprochene Diktaturdiskurs in der Redaktion institutionalisiert, denn insbesondere für den österreichischen Chefredakteur Michael Meier war die DDR vor allem eines, eine Diktatur und er wollte mit der Berliner Zeitung den Opfern eine Stimme geben (Löblich & Pollack, 2025, S. 331).

2. Phase: Nach dem Kauf durch Gruner + Jahr galt unter einer gemeinsamen Ost-West-Leitung „zunächst die Maxime: Ostleser halten, Westberlin gewinnen. Es wurden Westredakteure eingestellt. Zur Thematisierung der DDR gab es ambivalente Signale.“ Einerseits wurden Stasi-Enthüllungen unterstützt, andererseits wurden auch „Zweifel an der gesellschaftlichen Aufarbeitungspraxis publiziert.“ (Löblich & Pollack, 2025, S. 397).

1. Phase: Nach der Wende und der Lösung von der SED-PDS „ging es darum, die Berliner Zeitung als parteiunabhängige Zeitung auf einem privatwirtschaftlichen Markt aufzustellen. Es sollten weiterhin breite Leserschichten angesprochen werden. Die Redaktion richtet sich am Reformdiskurs des Wendeherbstes aus. Erste Westdeutsche stoßen hinzu“ (Löblich & Pollack, 2025, S. 397).

Dabei ist bemerkenswert, dass Weischenberg et al. in der oben zitierten ersten Studie zu Journalismus in Deutschland bereits 1993/94, also recht kurz nach der Wende, feststellten, dass die im Journalismus verbliebenen DDR-Journalistinnen und Journalisten in Sachen Einstellung recht bald jenen der im Westen sozialisierten recht ähnlich waren. Die Zahlen zum Journalismus in der DDR beruhen ebenfalls auf Schätzungen, wonach knapp 11.000 Journalistinnen und Journalisten in der DDR tätig waren (Weischenberg et al., 1993, S. Allerdings haben dann viele mit der Wende ihren Job verloren.

Das Ende der DDR war auch eine tiefgreifende Veränderung für den Journalismus. Aus zwei sehr unterschiedlichen Mediensystemen wurde eines. Das glich in vielen Fällen einer feindlichen Übernahme des Ostens durch den Westen. Karsten Rudolph schreibt hierzu: „Die rabiate Abwicklung des ostdeutschen Rundfunks musste Akzeptanzprobleme aufwerfen, die sich nicht einfach wegkehren ließen.“ (Rudolph, 2025, S. 158) Vor allem für den damals noch extrem starken Printsektor hat Mandy Tröger (2019) herausgearbeitet, wie finanzstarke Westverlage den ostdeutschen Zeitungsmarkt aufkauften. Sylvia Dietl kommt in ihrer Arbeit zur Transformation und Neustrukturierung des DDR-Rundfunks im Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands zu dem Ergebnis: „Die einmalige Chance zur Konstituierung einer gesamtdeutschen Rundfunkordnung, die sich in ihrem öffentlich-rechtlichen Teil vollständig an den Leitwerten des Public-Service-Rundfunks orientiert, sie real ermöglicht und diese sichert, wurde nicht genutzt.“ (Dietl, 2022, S. 614) Dabei spielte „das westdeutsche Fernsehen beim Zusammenbruch der DDR“ eine zentrale Rolle, ordnen meine Kollegen Frank Bösch und Christoph Classen ein:

„Es informierte die ersten ostdeutschen Protestierenden über ähnliche Aktionen und förderte den Zulauf. Zugleich waren die westdeutschen Kameras ein gewisses Schutzschild gegen eine ‚chinesische Lösung‘, also den Einsatz von Waffen. Vor allem am 9. November dynamisierten die westdeutschen Nachrichten über die Reisefreiheit den ostdeutschen Andrang an den Grenzübergängen, der zu einer früheren Öffnung der Mauer führte. Im Zuge des Mauerfalls setzte auch bei den Medien der DDR ein Wandel ein. Um Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, berichteten sie nun offener über die Proteste und Missstände im eigenen Land. Das DDR-Fernsehen brachte am 4.11.1989 die vierstündige Demonstration am Alexanderplatz live, und die Einschaltquoten der ‚Aktuellen Kamera‘ stiegen schlagartig steil an.“

(Bösch & Classen, 2015, S. 477)

Die Aktuelle Kamera war das ostdeutsche Pendent zur Tagesschau, die Hauptnachrichtensendung im DDR-Fernsehen. Und auch das Ost-Fernsehen hatte in den Jahren vor der Wende wohl mit dem Auseinanderklaffen von „Realität und Medienfiktionen“ in seiner Berichterstattung zum Unmut der DDR-Bürger und damit auch zum Ende der SED-Herrschaft beigetragen (Meyen & Fiedler, 2010, S. 59). Dabei ist festzuhalten, dass die Ostdeutschen aufgrund der Einschränkungen im öffentlichen Diskurs ganz generell Medienbotschaften misstrauten, „auch den Angeboten aus der Bundesrepublik“ (Meyen & Fiedler, 2010, S. 58).

Das West-Fernsehen hatte dennoch einen starken Einfluss in der DDR gehabt und auch nach der Wende schauten die Menschen in der DDR sehr gerne fern. „Im Osten wurde nicht nur mehr fern gesehen als im Westen, es wurde auch mehr Radio gehört.“ (Dussel, 2010, S. 279)

Zur Wahrnehmung der Medien in der frisch „gewendeten DDR“, erzählt der einstige SPIEGEL-Chefredakteur und Erfinder von SPIEGEL-TV, Stefan Aust, eine Anekdote ( hier geht’s zum SPIEGEL als Jahrhundertinstitution). Dort sei SPIEGEL-TV so bekannt gewesen, dass sich ein SPIEGEL-Redakteur einmal erklären musste, er sei vom Printmagazin Der SPIEGEL und nicht von SPIEGEL-TV. Die Reaktion war dann: „Ach, machen die jetzt auch eine Zeitung“ (Aust, 2021, S. 340).

In der DDR war die westdeutsche Presse verboten und die Westdeutschen lasen keine Zeitungen aus dem Osten (Bösch & Classen, 2015, S. 450), während die Ostdeutschen so viel westdeutsches Radio und speziell Fernsehen nutzten, dass Hesse (1988, S. 9) von einer allabendlichen „elektronische[n] Wiedervereinigung“ schon vor der Wende sprach. Denn die terrestrischen Signale des westdeutschen Fernsehens fast in der ganzen DDR zu empfangen, außer in Dresden. Deshalb stand die Abkürzung ARD in der DDR nicht nur für die Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland stand, sondern auch für Außer Raum Dresden.

Dort und in der ganzen DDR gab es natürlich neben Fernsehen und Radio auch Zeitungen und Zeitschriften. Bösch und Classen (2015, S. 459-460) weisen darauf hin, dass der Zeitschriftenmarkt in der DDR zwar weniger ausdifferenziert und mehr ideologisch aufgeladen war als im Westen, allerdings in beiden Teilen Deutschland mit dazu beitrug, „die Gesellschaften nach Generation und Geschlecht, nach Hobbys, Interessen oder Lebensstilen“ zu unterteilen und dabei „Vorlieben, Normen oder bestimmte Verhaltensweisen“ prägten. Die westdeutsche Bravo etwa hatte ihr Pendant im Osten mit der FDJ-Monatszeitschrift neues leben, wo Professor Bormann jene Fragen nach Liebe und Sexualität beantwortete, um die sich im Westen Dr. Sommer kümmerte (Bösch & Classen, 2015, S. 460-461).

Die Medien erfüllten also ebenfalls ihre Funktion in der DDR, beim Journalismus aber sah die Sache etwas anders aus, denn die meisten DDR-Journalisten sahen sich „nicht als neutrale Berichterstatter, sondern als Politiker, als Anwalt des Sozialismus und der DDR sowie als Lehrer“ (Meyen & Fiedler, 2010, S. 362). Das entspricht eher dem Rollenselbstverständnis des Kollaborateurs in dem weiter oben vorgestellten Modell von Thomas Hanitzsch und Tim Vos. Die Rahmenbedingungen des Berufs waren einfach besonders.

Die Journalistinnen und Journalisten in der DDR machten vor allem PR für die DDR, auch weil die journalistische Selbstkontrolle durch Kolleginnen und Konkurrenz fehlte. Zum journalistischen Berufsbild zitiert Otto Altendorfer (2004, S. 249) das Wörterbuch des sozialistischen Journalismus: „Der sozialistische Journalist ist Funktionär der Partei der Arbeiterklasse [...] bzw. einer gesellschaftlichen Organisation und der sozialistischen Staatsmacht, der mit journalistischen Mitteln an der Leitung ideologischer Prozesse teilnimmt.“

Die Journalistenausbildung fand in der DDR an der Sektion Journalistik der Karl-Marx-Universität in Leipzig statt, am so genannten Rote Kloster. Dort legte man allerdings vor allem Wert auf eine ideologische Ausbildung im Geiste von Sozialismus und Kommunismus und so stand die von Lenin der Presse zugewiesene Rolle im Vordergrund. Genervt davon war unter anderem Hermann Budzislawski, der aus dem US-Exil während des Zweiten Weltkriegs nicht etwa in den Westen ging, sondern in den Osten. Dort platzierte man ihn an der Leipziger Journalistik, wo er versuchte, „die Lehre der marxistischen Grundlagen zugunsten genuin publizistischer Studieninhalte zurückzufahren.“ (Siemens, 2022, S. 204). Dieses Vorgehen, so der Historiker Daniel Siemens, brachte ihm jedoch schnell Ärger mit den Autoritäten. In seiner Budzislawski-Biografie schreibt er, nicht Budzislawski habe es in der DDR geschafft – die DDR habe ihn geschafft (Siemens, 2022, S. 233).

Das sogenannte Rote Kloster, die Sektion Journalistik an der Karl-Marx-Universität in Leipzig https://de.wikipedia.org/wiki/Sektion_Journalistik_an_der_Karl-Marx-Universität_Leipzig#/media/Datei:Bundesarchiv_Bild_183-18814-0004,_Leipzig,_Universität,_Institut_für_Publizistik_und_Zeitungswissenschaft.jpg

Es waren eben die Politiker, die die Regeln machten und auch darüber entschieden „was guter Journalismus“ war (Meyen & Fiedler, 2011, S. 363). Eine besondere Rolle kam dabei Erich Honecker zu: „Der Parteichef richtete sich in den knapp zwei Jahrzehnten seiner Herrschaft den Medienapparat so ein, dass dieser am Ende in beispielloser Art und Weise seine Person verkörperte. Jede auch nur halbwegs wichtige Entscheidung lief über seinen Schreibtisch“, schreibt meine Kollegin Anke Fiedler (2014, S. 298). Täglich wollte er die Seiten des ‚Neuen Deutschland‘ für den nächsten Tag vorgelegt bekommen, auch bei Auslandsreisen (Meyen und Fielder, 2011, S. 11) und griff selbst häufig in die Nachrichtengebung ein. Er glaubte damit die Meinungen der Bürgerinnen und Bürger beeinflussen zu können. Das erschien zumindest in der Hinsicht begründet, als die Zeitungsauflage in der DDR im weltweiten Vergleich besonders hoch war (Fiedler, 2011, S. 11-12).

Doch wissen wir aus der Forschung, dass wir die Leserinnen und Leser des Neuen Deutschland ebenso wenig unterschätzen dürfen wie jene der BILD, denn sie glaubten eben „nicht alles Gedruckte, sondern eigneten sich Informationen eigensinnig, selektiv und mitunter mit zynischem Spott gegenüber den ‚Mächtigen‘ an.“ (Bösch & Classen, 2015, S. 458).

Der Medienkonsum der DDR-Bürger war auch Thema einer bemerkenswerten Reportagereise von der ZEIT. An dieser großen journalistischen Reportage über die DDR war auch unsere Protagonistin Marion Dönhoff ( hier geht’s zu Marion Dönhoff als Jahrhundertjournalistin) beteiligt. Zusammen mit ihren ZEIT-Kollegen Rudolf Walter Leonhardt und Theo Sommer hatte sie 1964 mit dem Buch Reise in ein fernes Land einen Bericht über Kultur, Wirtschaft und Politik in der DDR vorgelegt (Dönhoff et al., 1964). Die DDR war damals vielen Westdeutschen fern, während die Ostdeutschen wie erwähnt gern gen Westen fernsahen, obwohl sie das natürlich nicht durften: „Alle sehen es; die Verpflichtungsscheine, es nicht zu tun, nehmen nicht einmal die Parteimitglieder ernst. An einem Abend war ich in fünf Wohnungen, und in allen fünfen war das westdeutsche Programm eingeschaltet.“ (Sommer, 1964, S. 103)

In unseren Daten zum Pyramidenprinzip sehen wir am 30. Juni 1964, dass vor allem die lokalen Grafschafter Nachrichten nach oben herausstechen.