Journalismus und Migration · Das Jahrhundert des Journalismus
Die scharfe Kritik an Politik und Medien in der Coronakrise sind nur erklärbar im Lichte der gesellschaftlichen Auseinandersetzungen in der vorherigen „Flüchtlingskrise“, die ihren Höhepunkt 2015 hatte. Vielleicht wäre der gesellschaftliche Diskurs über die Pandemie anders verlaufen, wenn wir uns als Gesellschaft nicht zuvor schon so intensiv über die Migrationsbewegungen des 21. Jahrhunderts, ausgelöst durch Gewalt, Klimawandel, Hunger und Terror (Luft, 2016) zerstritten hätte. Der Gewinn der Rückwärtserzählung liegt darin, dass wir diesen Gedanken zulassen und wirken lassen können.
In seinem 2017 auf deutsch, 2016 auf englisch erschienen und 2014 unvollendet gebliebenem Buch Die Metamorphose der Welt schrieb der am 1. Januar 2015 verstorbene Soziologe Ulrich Beck (2017, S. 11) gleich zu Beginn: „Die Welt ist aus den Fugen.“ Es seien sowohl die äußere Ordnung als auch der innere Zusammenhalt dahin. Und am Ende prognostizierte er, wie die „Erste Welt“ versuchen werde „mit Gesetzen und Grenzzäunen die Reste ihres Überflusses zu verteidigen“, während sich „viele junge Menschen aus den ärmsten Regionen unseres Planeten“ aufmachen würden, „die Grenzen mit aller Kraft zu bestürmen, angetrieben von der Hoffnung auf ein besseres Leben“ (Beck 2017, S. 252). Und er sprach davon, dass die Massenmedien die Ereignisse von globaler Bedeutung „in jedes Wohnzimmer des Planeten tragen“ (Beck, 2017, S. 12) würden. Seither spielt das Thema Migration eine bedeutende Rolle insbesondere in Wahlkämpfen, obwohl die Zahl der Zuwanderer in Deutschland deutlich rückgängig ist. Am 1. Juni 2026 schrieb BILD, die Zahl der Zuwanderer habe sich halbiert. Das war ein Asyl-Knall. Zwei Wochen zuvor hatte BILD noch vor einer neuen Asyl-Welle gewarnt.
Tatsächlich können meine Kollegen Marcus Maurer, Pablo Jost, Simon Kruschinski und Jörg Haßler in ihrer Studie Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration zeigen, dass die Darstellung von Geflüchteten in den von ihren zwischen 2016 und 2020 untersuchten Medien „überwiegend negativ und damit insbesondere deutlich negativer als während der sogenannten ‚Flüchtlingskrise‘ 2015/16“ war. Der Versuch der Ausgewogenheit trug damals verstörende Blüten. Als im Mittelmeer immer Flüchtende ertranken, wurde in der ZEIT ernsthaft darüber diskutiert, ob man die Seenotrettung nicht einfach sein lassen solle. Damit steht diese negative Berichterstattung über Flüchtende seit 2016 jedoch im Einklang mit der jahrzehntelangen Berichterstattung über „kriminelle Ausländer“ in deutschen Medien (Delgado, 1972; Handel, 1997; Hömberg & Schlemmer, 1995; Ruhrmann, 1998), wie meine Kolleg:innen Florian Arendt, Hans-Bernd Brosius und Patricia Hauck (2017) argumentieren. Ganz generell zeigt die Forschung, dass über Migrantinnen und Migranten zumeist negativ ( Nachrichtenfaktoren) berichtet wird und häufig im Zusammenhang mit Kriminalität.
Insbesondere die Assoziierung von Geflüchteten mit Begriffen wie „Flüchtlingsstrom“ wurde häufig bemüht und ebenso häufig kritisiert. Doch nicht nur aus Zeitungen und Zeitschriften, auch aus dem Fernsehen schwappten „Flüchtlingswellen“ in unsere Wohnzimmer und lösten Empörungswellen in den Sozialen Netzwerken aus, die wiederum die Politik über die Medien zurück überfluteten und überforderten. Diese Überforderung des Jahres 2015 beschreibt der Historiker Heinrich August Winkler (2019, S. 828), rückblickend wie folgt:
„Die nationalkonservative und rechtspopulistische AfD erhielt durch den Zustrom von Migranten kräftigen Auftrieb. Viele kommunale und Landesbehörden wurden von der gewaltigen Zahl von Neuankömmlingen aus anderen Ländern überfordert; dasselbe galt für die Polizei, für die Gerichte und die Schulen. Die Integration von Hunderttausenden Menschen aus fremden, meist autoritär und patriarchalisch, israel- und judenfeindlich geprägten Kulturen erwies sich als sehr viel schwieriger als erwartet, was auch für die Eingliederung in den Arbeitsmarkt galt. Sexuelle Übergriffe und Gewalttaten junger, meist muslimischer Migranten bewirkten seit der Jahreswende 2015/16 einen Umschwung in der Meinung großer Teile der Bevölkerung.“
Es lohnt sich, diesen vermeintlichen Umschwung genauer in den Blick zu nehmen. Noch am 2. Januar 2016, also unmittelbar nach der Silvesternacht 2015/16 hatte BILD davon geschrieben, wie Flüchtlinge unsere Wirtschaft retten.

In der Silvesternacht 2015/16 jedoch waren in Köln, insbesondere in der Bahnhofsgegend, viele Frauen von vornehmlich nordafrikanischen Männern „angetanzt, sexuell belästigt oder bestohlen worden“ (Arendt, Brosius, & Hauck, 2017). Am 10. Januar 2016 fragte BILD, ob denn die Täter wirklich Flüchtlinge seien und ob denn die „Vorfälle AfD, Pegida und Neonazis“ nutzen würden. Es ist also sicherlich verfehlt, wenn BILD pauschal als Medium des Hasses und des Rassismus porträtiert wird (Bulk, 2019). BILD spielt immer eine besondere Rolle im deutschen Journalismus, allein schon aufgrund der enormen Reichweite. Die Berichterstattung der größten Boulevardzeitung überschreitet dabei regelmäßig die Grenzen der Medienethik in Deutschland. BILD markiert damit aber die Grenze und verschiebt sie dadurch nicht zwangsläufig. Mein Kollege Volker Lilienthal hat in seiner 2023 veröffentlichten „Introspektion der Redaktion“ von BILD mehr als nur „Spurenelemente von Medienethik“ finden können (Lilienthal, 2023, S. 10, 12). Zwar obsiege meist das „Programm Boulevard“, aber die Journalistinnen und Journalisten bei BILD diskutieren und reflektieren durchaus das eigene Handeln. Etwa wenn einer der Befragten meint: „Wenn wir jetzt anfangen, Asylanten als Mädchengrabscher […] zu bezeichnen, dann kippt vielleicht irgendwas in diesem Land“ (Lilienthal, 2023, S. 43).
Meine Kollegen Florian Arendt und Hans-Bernd Brosius haben gemeinsam mit Patricia Hauck (2017) die Berichterstattung unmittelbar vor und direkt nach der Silvesternacht analysiert und tatsächlich feststellen können, dass sich die Kriminalitätsberichterstattung veränderte und nach Silvester deutlich mehr ausländerspezifische Attribute wie Ausländer, Migrationshintergrund, Nordafrikaner und Asylbewerber genannt wurden. Auch Maurer el al. (2019) haben in ihrer Studie darauf hingewiesen, dass sich die Berichterstattung nach der Silvesternacht deutlich veränderte.
Mein Kollege Marcus Maurer hat sich immer wieder mit der Berichterstattung von deutschen Medien über Migration beschäftigt. In einer Zusammenfassung der Erkenntnisse seiner Forschungsteams betont er, wie sehr das Thema polarisiere und erklärt, dass wir Menschen Medieninhalte dann als richtig einstufen, wenn sie unsere eigene Position widerspiegeln und sie als falsch wahrnehmen, wenn dies nicht der Fall ist (Maurer, 2026). Und so sei es beim Thema Migration nun mal so, dass „ein Teil der Bevölkerung den Medien unterstellt, Migrantinnen und Migranten einseitig positiv darzustellen, um Unterstützung für Zuwanderung zu generieren.“ Dagegen „unterstellt der andere Teil, die Berichterstattung bediene rechtspopulistische Stereotype und sei migrationsfeindlich“ (Maurer 2026).
In diesem Dilemma befindet sich der Journalismus in den aufgeheizten Debatten der vergangenen Jahre, spätestens seit der Flüchtlingskrise 2015. Grundsätzlich könnte man daraus den Schluss ziehen, dass der Journalismus in der Migrationsdebatte vieles richtig gemacht hat, wenn er von beiden Seiten aus kritisiert ist. Wenn die Berichterstattung den einen zu migrationsfreundlich und den anderen zu migrationsfeindlich ist, war sie insgesamt vermutlich recht ausgewogen. Und das zeigen auch die empirischen Untersuchungen von Maurer und seinen Kolleginnen und Kollegen (Maurer et al., 2019; 2023). BILD hat die Studie übrigens als Beleg der eigenen Ausgewogenheit gefeiert. Auch Maurer el al. (2019) haben in ihrer Studie darauf hingewiesen, dass sich die Berichterstattung nach der Silvesternacht deutlich veränderte.
Generell argumentiert Maurer (2026), dass einerseits durch die gestiegene Zahl an Geflüchteten, die in Deutschland ankamen, die Relevanz des Themas zugenommen hat und deshalb die Berichterstattung zunahm. Zudem lieferte „die Flucht über das Meer und später auf der sogenannten Balkanroute dramatische Geschichten und Bilder“, welche journalistischen Nachrichtenfaktoren erfüllten. Es muss uns klar sein, dass Journalistinnen und Journalisten Nachrichten auch danach auswählen, ob sie gut zu bebildern sind ( Nachrichtenfaktoren). Bilder transportieren Emotionen stärker als Texte und spielen deshalb in der Berichterstattung über Geflüchtete eine wichtige Rolle. Die Studie Fünf Jahre Medienberichterstattung über Flucht und Migration kann schließlich zeigen, dass die Menschen auf der Flucht eher als schutzbedürftig und in Not dargestellt werden. Sobald sie aber in Deutschland angekommen sind, werden sie eher als Sicherheitsrisiko und als Bedrohung dargestellt.
Eine kurzfristige Ausnahme stellte der Herbst 2015 dar, als Angela Merkel sagte „Wir schaffen das“ und sich eine Willkommenskultur im Land ausbreitete, die einerseits bis heute positiv gesehen, vielfach aber negativ betrachtet wird. Jedenfalls schreibt einer Heinrich August Winkler von einer „moralischen Selbstüberhöhung“ Deutschlands, insbesondere der Grünen, der beiden großen christlichen Kirchen und von „einigen großen, gemeinhin dem linksliberalen Spektrum zuzurechnenden Tages- und Wochenzeitungen“ (Winkler, 2019, S. 830) – und spricht damit explizit die Rolle der Medien an.
Winkler verweist auch auf die Unterschiede zwischen Ost und West und spricht von einer „Welle von fremdenfeindlichen Ausschreitungen und Anschlägen auf Unterkünfte für Asylbewerber – Aktionen, zu denen es besonders häufig im Osten des Landes kam, der zu Zeiten der DDR sehr viel weniger Erfahrungen mit dem Zusammenleben mit Menschen aus anderen Kulturen gemacht hatte als die alte Bundesrepublik. Fremdenfeindlichkeit äußerte sich zwar auch im West Deutschlands nicht selten gewaltsam, das Bild bestimmten hier aber Bekenntnisse zu einer ‚Willkommenskultur‘ unter dem Motto ‚Refugees welcome‘, die zeitweilig auch den Beifall der Boulevardpresse fanden.“ (Winkler, 2019, S. 827) Und tatsächlich hatte sich BILD mit einer großen „Wir helfen“-Aktion in genau diese Willkommenskultur eingereiht.
Vielleicht ist das sogar das entscheidende Momentum in der ganzen Geschichte. Merkel hatte damals gesagt: „Wir schaffen das“ und fast alle waren ihr gefolgt. Auch die Medien. Und BILD. Dabei hätte in diesem Moment BILD vermutlich genau die Stimme der Kritik sein müssen. Mit Sebastian Mallek, meinem damaligen Mitarbeiter in einem ebenfalls von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Projekt „Die Kanzler und die Medien“, und gemeinsam mit Studierenden der Kommunikationswissenschaft an der Universität Münster habe ich mir die Krisenkommunikation der Kanzlerin angeschaut. Dabei haben wir zunächst die parlamentarische Konstellation mit in den Blick genommen.
Die dritte Regierung Merkel von 2013 bis 2017 wurde getragen von den beiden damals großen Volksparteien Deutschlands: der Union aus CDU und CSU und der sozialdemokratischen SPD. Die Opposition im Bundestag „setzte sich aus der Partei Die Linke sowie den Grünen zusammen, beides vornehmlich ‚migrationsfreundliche‘ Parteien“ (Birkner et al., 2020, S. 48). Die FDP hatte ihre Mitarbeit an der zweiten Regierung Merkel von 2009 bis 2013 mit der Abwahl aus dem Bundestag bezahlt. In diesem Moment gab es also bezüglich der Öffnung der Grenzen und der Aufnahme der Flüchtlinge keine parlamentarische Opposition. Außerparlamentarisch aber formierte sich die 2013 erst gegründete Partei Alternative für Deutschland (AfD), die ihre Kommunikation vor allem auf der Plattform Facebook etablierte, gerade weil die klassischen Massenmedien sie weitgehend ignoriert hatten. Mein Kollege Michael Haller (2017, S. 93) schreibt dazu: „Nachdem sie bis zum Sommer 2015 von der Presse (...) kaum beachtet worden war, wird die AfD nun […] vor allem im Anschluss an die Silvesternacht 2015/16 in der Presse häufiger genannt als jede der Regierungsparteien.“
Der Erfolg der AfD hat sicherlich vielfältige Gründe und wir würden die Rolle der Medien in und für die Politik deutlich überzeichnen, wenn wir die Gründe vor allem im Erfolg der AfD in den Sozialen Medien suchen würden. Tatsächlich aber nutzen vor allem rechte Parteien wie die AfD oder auch die FPÖ in Österreich ihre eigenen Kommunikationskanäle sehr erfolgreich und vorbei am Journalismus. Über ihre Seiten bei Facebook oder eigene YouTube-Channel erreichen Sie ganz direkt ihre Gefolgschaft. In gewisser Weise haben diese heutigen Parteimedien ihre historischen Vorbilder in der Parteipresse der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die wir später noch thematisieren werden.
Journalismus in veränderten Medienumgebungen
Hier wird, in den 2010er Jahren, deutlich, wie sich die Medienlandschaft und verändert, verschiebt und hybridisiert. Denn ganz langsam erst schoben sich die Plattformen neben die etablierten Massenmedien. Das Fernsehen war weiterhin das Leitmedium, die Nutzung lag 2015 mit 208 Minuten nur wenig unter den 220 Minuten, die die Deutschen über 14 Jahre 2010 fernsahen (Engel & Breunig, 2015). Nach den Ergebnissen der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation 2015 wurde das Internet demgegenüber durchschnittlich bereits 107 Minuten pro Tag genutzt, immerhin 20 Minuten mehr als noch 2010.
Grafik mit ChatGPT erstellt, mit Daten der ARD/ZDF-Langzeitstudie Massenkommunikation
Natürlich ist das eine deutliche Veränderung und doch vollzieht sich diese weniger disruptiv. In der Rückschau wird deutlich, wie langsam der Wandel vonstatten geht. Die uns heute so allgegenwärtige digital vernetzte Infrastruktur war längst angelegt. Die gesellschaftliche Synchronisation aber übernahm 2015 noch das Fernsehen. Das TV gab der Gesamtbevölkerung den linearen Takt vor, während es insbesondere die 14-29jährigen schon in die digitale Non-Linearität unserer Gegenwart zog.
Gerade die Rolle der Medien zeigt uns an, wie bedeutsam sowohl die Zeitungen als auch das Fernsehen und ihre Berichterstattung in der „Flüchtlingskrise“ waren und eben auch zur Emotionalisierung der Debatte beitrugen (Marcinkowski et al., 2017). Schauen wir in die Daten zum Journalismus in Deutschland von 2014/2015, so zeigt sich, dass mit nur 10 Prozent die Journalistinnen und Journalisten weniger noch als in den vorangegangen Journalismus in Deutschland-Studien (2005 und 1993) die politische Tagesordnung bestimmen wollen. Zudem will weniger als 1 Prozent die Regierungspolitik unterstützen oder ein positives Bild der Regierung vermitteln (Steindl et al., 2017, S. 420; siehe auch weiter oben).
Und obwohl sich die ihnen unterstellte Gleichförmigkeit und Regierungsnähe empirisch nicht nachweisen lässt, hat doch die als zu positiv und vor allem so gleichförmig wahrgenommene Migrationsberichterstattung 2015 zu einer Entfremdung einiger Teile der Bevölkerung von den sogenannten Mainstreammedien geführt. Zumal es jetzt im mehrfachen Sinne eine Alternative gab. Die Alternative für Deutschland nutzte alternative Medien, um ihre alternativen Ideen zu verbreiten. Alternative Fakten bot derweil Donald Trump in den USA an.
Auch Donald Trump kann uns helfen, den verspäteten Wendepunkt vom massenmedialen Zeitalter zum digital vernetzten Zeitalter besser zu begreifen. Er steht für die Wirkmächtigkeit des Fernsehens einerseits und die Wachablösung insbesondere der Presse durch Plattformen wie Truth Social und X, vormals Twitter, andererseits. Der Wahlkämpfer Trump verkörpert 2015 geradezu perfekt das sich nun entfaltende hybride Mediensystem, wie es mein Kollege Andrew Chadwick genannt hat. Trump schaut leidenschaftlich gern Fernsehen und kommentiert das Gesehene auf Twitter – eine sehr prominente From der Second Screen-Nutzung. Donald Trump wird ja einerseits gern verteufelt und andererseits wird er oft als dumm dargestellt. Aber seine Beobachtung aus dem Jahr 2012 hätte so prägnant wohl kein Wissenschaftler formulieren können.

Tweet von Donald Trump aus dem Jahre 2012
Twittern zu können sei wie eine Zeitung zu besitzen, ohne die finanziellen Verluste. Damit ist Stärke der Plattformen ebenso benannt wie die schon angesprochene Krise des Zeitungswesens. Tatsächlich ist das mediale Setting in einem Übergang und die heutige, nochmals erweiterte, multimediale Medienordnung zeichnet sich bereits ab. Meine Kolleginnen Nina Steindl und Corinna Lauerer sowie Thomas Hanitzsch umreißen die Herausforderungen für den Journalismus in Deutschland in dieser Zeit wie folgt (Steindl et al., 2017). Der Journalismus verliere sein Monopol als Gatekeeper und werde immer mehr zum Gatewatcher (Bruns, 2009). Das heißt, dass nicht mehr Journalistinnen und Journalismus den Zugang von Informationen in den öffentlichen Diskurs organisieren, sondern zunehmend dabei zusehen, wie andere Player das machen. Weil dabei auch vielfach Nachrichten kostenlos im Netz verfügbar sind, hat der Journalismus zunehmend ein Finanzierungsproblem. Der ökonomische Druck zeigt sich auch darin, dass 2014/15 geschätzte 41.250 hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten arbeiten), darunter ca. 9.600 Freiberufliche (Steindl et al., 2017, S. 411). 2004/05 waren es noch gut 48.000 gewesen (Weischenberg et al., 2006b, S. 349).
Abbildung 5.15: Entwicklung des Medienkonsums von 1900 bis heute (Bernau, Hank und Petersdorf 2014). Bildquelle: Faz.net. https://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/unternehmen/zeitungen-in-der-krise-medienwandel-und-internet-13089556/der-medienkonsum-steigt-aber-13089609.html.
Der nächste Messpunkt bei unserer eigenen automatisierten Datenerhebung war das Jahr 2014, in dem Deutschland Fußballweltmeister wurde. Der digitale Wandel ist bereits im Gange. Schauen wir in die von meinen Hamburger Kolleginnen und Kollegen am Leibniz-Institut für Medienforschung, dem Hans-Bredow-Institut, erhobenen Daten, dann sinkt insgesamt die Nutzung der „klassischen“ Nachrichtenmedien Fernsehen, Radio und Print über alle untersuchten Altersgruppen hinweg zwischen unseren Messpunkten 2024 und 2014. Die Fernsehnutzung für Nachrichten liegt aber nach generell noch in den 2010er Jahren hoch und wurde erst in den 2020ern von der Internetnutzung abgelöst (Behre, Hölig, & Möller, 2024).
Auch in unseren Daten sinkt der Artikel nach dem Pyramidenprinzip sinkt gegenüber dem Messpunkt von 2004. In diesen Jahren sind vor allem Klicks auch die Währung für Werbung. Die Werbewirtschaft interessiert sich dafür, wie oft eine Seite besucht wird und viele Klicks dort generiert werden. Die Folge ist Clickbaiting, also das bewusste Provozieren von Klicks, sei es durch lustige und süße Katzenbilder, oder aber durch das bewusste Weglassen der Antwort auf eine entscheidende W-Frage, was bis heute im Online-Journalismus sehr verbreitet ist. Wie hier, bei der BILD und der Frage nach der Unterhose am 3. September 2026:

Doch sogar wenn man auf den Artikel klickt, erfährt man nicht, wenn Unterhose das ist.
Es gibt aber auch noch eine weitere Erklärung dafür, dass der Journalismus sich nicht mehr in so vielen Texten gezwungen sieht, gleich zu Beginn die wichtigsten W-Fragen zu beantworten. Die Antwort ist Storytelling, nicht News Storytelling (Weischenberg & Birkner, 2008, 2015). Denn die Nachricht über den 1:0-Sieg der deutschen Männernationalmannschaft bei der Fußball-WM in Brasilien ist längst da draußen, verbreitet sich in Windeseile und ist kostenlos verfügbar.
In unseren Interviews gibt es Stimmen, die generell ein Umdenken beim journalistischen Texten andenken:
Wir müssen um die Aufmerksam ringen, das heißt, vielleicht müssen wir eher interessant schreiben als informierend.
In der Literatur spricht Marinos (2021) etwa davon, die Pyramide umzuformen (S. 43) und vom anfeaturen einer Meldung (S. 48). Mit Elementen eines Features wird „der umgekehrten Pyramide“ so „quasi ein kleines Sahnehäubchen aufgesetzt“ (Marinos, 2021, S. 48). Weischenberg hat bereits 2001 (S. 67-77) von „Hybrid-Formen“ (S. 67) gesprochen und skizziert, dass „das Netz neue Erzählformen, die den Potentialen der Interaktivität gerecht werden“ (S. 76) provoziert. Das bedeutet, dass die Nachrichtenpyramide nicht nur aus ökonomischen Erwägungen seltener wird, sondern auch, weil sich – und dies längst nicht nur in Netz – die Möglichkeiten des Nachrichtenerzählens geändert haben, wie auch die Anforderungen an neue Erzählformen. Denn durch den nach wie vor ja weitgehend kostenlosen Zugang zu Nachrichten und trotz der Versuche, auch die Nachrichten im Netz wieder zu verkaufen, wird stärker Wert auf längere journalistische Formate gelegt, die einordnen und erklären und unterhaltend erzählen. Das ist dem Journalismus durch eine immer akribischere Analyse seines Publikums oder vielmehr seiner Publika, bestens bekannt (Meier et al., 2024, S. 51):
„Redaktionen messen, mit welchen Beiträgen sie besonders viele Klicks oder Views generieren, wie lange die Personen am Ball bleiben, an welchem Punkt im Beitrag sie aus steigen. Das birgt zum einen den Vorteil, besser und gezielter Werbung zu schalten und Einnahmen zu erhöhen. Zum anderen sehen Journalist*innen durch das konstante Feed-back der Zahlen, welche Themen wichtig sind, dass Geschichten spannend erzählt werden müssen und welche Erzählarten attraktiv sind. Solche Messungen werden in den nächsten Jahren noch weiter zunehmen, um beispielsweise bestimmte Nischen besser zu erreichen.“
Mit Nischen ist natürlich auch die generell auch in den 2010er Jahren bereits beobachtbare Ausdifferenzierung des Medienangebots gemeint, ebenso wie die Sorge eines gesellschaftlichen Zerfalls in so genannte Filter-Blasen oder Echo-Kammern. So sehnt man sich zurück nach der integrierenden Funktion der Massenmedien, etwa des Fernsehens.