Journalismus und Corona · Das Jahrhundert des Journalismus
Eine ganz praktische Folge der Pandemie ist noch heute in vielen deutschen Redaktionen zu beobachten. Es sind vergleichsweise viele Redakteurinnen und Redakteure nicht da. Das hat weniger mit dem weiter oben skizzierten Personalabbau zu tun als vielmehr mit dem so genannten home office. Wie in so vielen Bereichen der modernen Arbeitswelt wird auch im Journalismus häufig von zu Hause aus gearbeitet. Redaktionskonferenzen finden zum Teil virtuell als Videokonferenzen statt und zum Teil in Präsenz. Die gemeinsame Arbeit über Ressortgrenzen hinweg an Geschichten erfolgt über Server und geteilte Dokumente auf unterschiedlichen Plattformen. Die Pandemie war ein Katalysator für die Digitalisierung der Gesellschaft, auch im Journalismus. Dazu gehört, dass Live-Ticker und Datenjournalismus international dauerhaft an Bedeutung gewonnen haben. Der ZEIT-Journalist Julius Tröger hat das während der Pandemie so beschrieben: „Die Coronapandemie ist die größte Datengeschichte, die es weltweit jemals gab und die gerade live gecovert wird. Visual Storytelling ist also für viele Redaktionen aktuell ein riesiges Thema und wir sind froh, dass wir schon frühzeitig ein Datenteam aufgebaut haben.“ (Hauri &Tröger, 2021, S. 85-86)
Gerade Datenvisualisierungen zur Pandemie hat es in aufwändigen Scrollytellingformaten im angelsächsischen Raum gegeben, etwa bei der BBC, dem Guardian und der New York Times:
https://www.theguardian.com/world/ng-interactive/2020/apr/09/how-coronavirus-spread-across-the-globe-visualised
https://www.nytimes.com/interactive/2020/05/24/us/us-coronavirus-deaths-100000.html
https://www.bbc.co.uk/news/resources/idt-dc2d6e2d-3ab4-42de-8d03-bb7eda5fff8e
Auch stehen die Wissenschaftskommunikation und der Wissenschaftsjournalismus exemplarisch für die Auffächerung der Kommunikationskanäle, etwa durch Erklärvideos wie jene von Mai Thi Nguyen-Kim auf YouTube oder der Podcast Coronavirus-Update mit Christian Drosten und Sandra Ciesek beim NDR.
Teile der Bevölkerung haben sich in Folge der Pandemie tatsächlich von etablierten Medien abgewandt. Zum Teil hat eine bewussten Nachrichtenvermeidung stattgefunden. Zum andere eine polarisierende Hinwendung zu alternativen Medien. Deshalb lohnt es sich, diese Medien und den Journalismus hier in den Blick zu nehmen.
Allerdings „schwankte das Vertrauensniveau der Bevölkerung in die journalistische Berichterstattung während der Pandemie, und die meisten Nachrichtenmedien erlebten nach einem anfänglichen Höchststand einen Vertrauensrückgang“ (Beuthner et al., 2026). Gleich in ihrer ersten Regierungserklärung zu Beginn der Pandemie hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel am 23. April 2020 gesagt:
Diese Pandemie ist eine demokratische Zumutung; denn sie schränkt genau das ein, was unsere existenziellen Rechte und Bedürfnisse sind – die der Erwachsenen genauso wie die der Kinder. Eine solche Situation ist nur akzeptabel und erträglich, wenn die Gründe für die Einschränkungen transparent und nachvollziehbar sind, wenn Kritik und Widerspruch nicht nur erlaubt, sondern eingefordert und angehört werden – wechselseitig. Dabei hilft die freie Presse.
Den Medien aber wurde diese Hilfe im Pandemieverlauf nicht gedankt, ihnen wurde vielmehr eine zu große Nähe zur Politik unterstellt. Und dieser Vorwurf rührt aus der vorherigen Krise, der so genannten „Flüchtlingskrise“. Vermutlich wären der Druck auf die Politik und die Medien in der Corona-Krise nicht so stark und das Auseinanderdriften innerhalb der Gesellschaft nicht so gravierend ausgefallen, wenn es diese Flüchtlingskrise zuvor nicht gegeben hätte.