Wer macht Journalismus? · Das Jahrhundert des Journalismus

Der Rückgang der Zahl der Journalistinnen und Journalisten hat zu tun mit einer langanhaltenden Krise, die vor allem mit einem veränderten medialen Setting und einer damit verbundenen Krise der einst etablierten Finanzierungsmodelle, welche wir hier nachzeichnen wollen. Dass wir überhaupt so viel über die Journalistinnen und Journalisten wissen, verdanken wir, wie gesagt, heute vor allem der Worlds of Journalism Study, einem internationalen Forschungsprojekt, das seit 2007 die Arbeitsbedingungen, Werte, Rollenverständnisse und Herausforderungen von Journalist:innen weltweit untersucht (https://worldsofjournalism.org). Diese internationale Forschungskooperation wird mittlerweile unter anderem von der UNESCO unterstützt und umfasst heute etwa 75 Länder (WJS3). In der vorherigen Erhebungswelle waren zwischen 2012 und 2016 mehr als 27.500 Journalisten in 67 Ländern befragt worden. Thomas Hanitzsch hatte das Projekt am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München gestartet. Die erste Erhebung (WJS1) wurde von 2007 bis 2011 durchgeführt und umfasste 21 Länder auf der ganzen Welt. Mit der Publikation der Ergebnisse der zweiten Welle 2017 in der Publizistik stellte sich das deutsche Projektteam (Steindl et al., 2017) bewusst in die Tradition der bis dahin zweimal durchgeführten Studien zum Journalismus in Deutschland (JouriD I und II), welche mein Doktorvater Siegfried Weischenberg und sein Team damals in Münster und Hamburg durchgeführt hatten (Weischenberg et al., 1993; 1994; 2006a; 2006b). Diese wiederum orientierten sich an den Studien zu The American Journalist, die wiederum vor allem David Weaver mit seinen Kollegen Cleve Wilhoit und Lars Willnat an der Bloomington University im US-Bundestaat Indiana seit den 1980er Jahren durchgeführt hat und, obschon bereits emeritiert, noch immer durchführt (Weaver & Wilhoit, 1986; 1996; Willnat, Weaver, & Wilhoit, 2017; 2025). Auch hier wurden bereits Ergebnisse von vielen der weltweit von Weaver und seinen Kollegen inspirierten Studien gemeinsam unter dem Titel The Global Journalist (Weaver, 1998; Weaver & Willnat, 2012) veröffentlicht.

Auch hier lassen sich Veränderungen im Zeitverlauf im deutschen Journalismus beobachten, die auch Anpassungen der Forschung erforderten. Zum Beispiel weisen die jüngsten Zahlen für Deutschland die beim Fernsehen arbeiteten Journalistinnen und Journalisten für 2023 gar nicht mehr komplett aufgeschlüsselt aus. Der private Rundfunk wird noch unterteilt in Radio und TV, der öffentlich-rechtliche Rundfunk aber insgesamt erfasst, weil sich die „redaktionelle Aufteilung nach den Ausspielkanälen Radio, TV und Online größtenteils aufgelöst“ hat und die Redaktionen stattdessen „trimedial entlang thematischer oder geografischer Ausrichtungen“ arbeiten: „Aus diesem Grund wurde der öffentlich-rechtliche Rundfunk nicht mehr wie bisher weiter unterteilt, sondern als ein Segment erfasst.“ (Garmissen et al., 2025, S. 8). Eine solche Bündelung hatte es aber auch bereits in der ersten Erhebung der Studie Journalismus in Deutschland gegeben (Weischenberg, et al., 1993, S. 27), sodass auch hier insgesamt Analysen im Zeitverlauf möglich sind, auf die wir beim Durchschreiten der Jahrzehnte immer wieder zurückkommen werden.

Die Wandlungen des Journalismus zeigen sich genau in diesen Erhebungsschwierigkeiten für Forschende. So wurde bei der jüngsten Erhebung (WJS3) zum Beispiel die „integriert arbeitende[n] Redaktion des Spiegel 2022/2023 im Zeitschriftensegment erfasst.“ Im Erhebungszeitraum 2012-2016 (in WJS2) „waren Spiegel und Spiegel Online noch als zwei getrennte Einheiten erhoben worden.“ Das Forscherteam orientierte sich dabei „an der historisch-kulturellen Herkunft der jeweiligen journalistisch-redaktionellen Marke.“ (Garmissen et al., 2025, S. 9)

Das erklärt etwa auch, dass die aktuellen Zahlen „nur“ noch knapp 7 Prozent der Journalistinnen und Journalisten im Online-Journalismus ausweisen. Im Erhebungszeitraum 2012-2016 (in WJS2) waren es noch 16 Prozent. Der Online-Journalismus ist jedoch keinesfalls auf dem Rückzug – vielmehr wird nun, wie das Beispiel Spiegel zeigt, nur noch als Online-Journalismus erhoben, was als Online Native bezeichnet wird: „Auch wenn sich nur sehr wenige Befragte dem Online-Only-Segment zuordnen, gehört das Bespielen von Online-Kanälen für die überwältigende Mehrheit der Journalist:innen heutzutage selbstverständlich zu ihrer Tätigkeit.“ (Garmissen et al., 2025, S. 15)

Auffällig und überfällig ist, dass der Journalismus immer weiblicher wird. 2023 sind 44 Prozent, der Interviewten weiblich. 2014/2015 waren es noch 40 Prozent, 2004/2005 waren es 37 Prozent und 1992/1993 sogar nur 31 Prozent (vgl. Garmissen, 2025; Steindl et al., 2017; Weischenberg et al., 1993; 1994; 2006a; 2006b). Allerdings bleibt es bei einer Ungleichverteilung bei den Hierarchieebenen, dem Anstellungsverhältnis und der Bezahlung. Nach wie vor verdienen Frauen im Journalismus weniger als Männer, sind seltener festangestellt und seltener Chefin (Garmissen et al., 2025).

Die These „Die Zukunft ist frei“ auf Basis der Daten von WJS2 (Steindl et al., 2018; Freischreiber, 2025) lässt sich so nicht bestätigen. Vielmehr sprechen die Daten von 2025 eher dafür, dass gerade der hauptberuflich freie Journalismus unter Druck gerät (Garmissen et al., 2025, S. 16): „Für freischaffende Journalist:innen ist es demnach schwierig, ein rein journalistisches Auskommen zu finden. Hauptfelder der Nebenjobs sind Public Relations und Corporate Communication (31,4 %) sowie Aus- und Weiterbildung (28,0 %; n = 220).“ Wobei es mittlerweile auch wieder gegenläufige Tendenzen, etwa im Bereich Podcasting gibt, auf die wir später noch eingehen werden. Hier ist wichtig, dass sich die Studien zum Journalismus in Deutschland nur mit hauptberuflich tätigen Journalistinnen und Journalisten beschäftigen. Zur Operationalisierung der Hauptberuflichkeit „ist festgelegt, dass Befragte entweder mindestens die Hälfte ihrer Arbeitszeit mit journalistischen Tätigkeiten verbringen oder mindestens die Hälfte ihres Gesamteinkommens aus dem Journalismus beziehen müssen – wenn nicht ohnehin beides zutrifft.“ (Garmissen et al., 2025, S. 7).

Und was verdienen hauptberufliche Journalistinnen und Journalisten, fest angestellt, oder frei, mit ihrem Beruf? Im Vergleich zur Vorgängerstudie (WJS2) hat sich das monatliche Netto-Einkommen im Journalismus in Deutschland insgesamt nach oben entwickelt, wobei die Forschenden hier davon ausgehen, „dass der ungewöhnlich hohe Anstieg der Inflationsrate, insbesondere seit 2020, die Einkommenssteigerungen größtenteils nivelliert hat.“ (Garmissen, 2025, S. 13)

Die Frage nach dem beruflichen Rollenverständnis ist eine der Fragen, die den Journalismusforscher und Erfinder der Worlds of Journalism-Study Thomas Hanitzsch besonders umtreiben. Viel Zeit und Energie hat er in die stetige Weiterentwicklung der Forschung und der Typologisierung der Rollenverständnisse gesteckt. In seinem Beitrag zum Handbuch Journalismusforschung, welches er gemeinsam mit Wiebke Loosen und Annika Sehl 2025 herausgebracht hat (Hanitzsch et al., 2025), schreibt er über journalistische Rollen (Hanitzsch, 2025) und nutzt dabei auch eine Unterteilung, die er gemeinsam mit unserem amerikanischen Kollegen Tim Vos entwickelt hat.

Bei seinem Rückblick auf die Entwicklung der Forschung zum journalistischen Rollenverständnis beginnt er bei Bernhard Cohen (1963) und Morris Janowitz (1975), die jeweils noch eine Zweiteilung der US-amerikanischen Journalistinnen und Journalisten vornahmen, wobei ersterer zwischen einer neutralen und einer teilnehmenden Rolle unterschieden hatte und letzterer zwischen „dem objektiven, distanzierten und neutralen gatekeeper auf der einen Seite und dem aktiv-anwaltschaftlichen advocate auf der anderen“ (Hanitzsch, 2025, S. 488). Eine solche Unterteilung unternahm etwa auch Renate Köcher bei ihrer Untersuchung von britischen und deutschen Journalistinnen und Journalisten und unterschied dabei zwischen „Spürhunden“ und „Missionaren“: „While British journalists see themselves as bloodhounds – as hunters of news – their German colleagues see themselves as missionaries.” (Köcher, 1986, S. 63). Das ist ein Gedanke, den die Journalistin Dagmar Rosenfeld 2024 noch einmal aufgriff: „Wenn ich an den deutschen Journalismus denke, kommt mir die Frage in den Sinn: ‚Schreibst du noch, oder missionierst du schon?‘“ (Hyperlink gesetzt)

Schließlich haben die schon erwähnten David Weaver und Cleveland Wilhoit in ihren Studien zu The American Journalist (Weaver & Wilhoit, 1986; 1996) eine Dreiteilung eingeführt „von disseminator (Verbreitung von Nachrichten), interpreter (Analyse und Einordnung) und adversary (kritische Kontrolle)“ (Hanitzsch, 2025, S. 488). Später kam noch die Rolle des populist mobilizer (Mobilisierung des Publikums) hinzu.

2025 sieht der den deutschen Journalismus nach wie vor von einem Rollenverständnis geprägt, das auf neutrale Information, unparteiische Vermittlung und sachliche Analyse abstellt. Mindestens vier von fünf befragten Journalist:innen ist es „extrem“ oder „sehr wichtig“, ein „unparteiischer Beobachter zu sein“, „aktuelles Geschehen einzuordnen und zu analysieren“ und „Dinge so zu berichten, wie sie sind. (Hanitzsch, 2025, S. 497)

Auch wir konnten in unserem Projekt und in den Interviews mit Journalistinnen und Journalisten aus unterschiedlichen Generationen vor allem Stabilität im Rollenverständnis feststellen (Birkner el al., 2024). Um ein umfassendes Bild der Entwicklung des Journalismus zeichnen zu können, haben wir uns dafür entschieden, neben der Analyse von Nachrichten im Zeitverlauf von 2024 bis 1924 auch Interviews mit Journalistinnen und Journalisten zu führen und dabei versucht, eine möglichst große Bandbreite bei Alter, Geschlecht und Medium abzudecken. Beim Alter haben wir sowohl bereits pensionierte Journalisten befragt, wobei dies überwiegend Männer waren. Und natürlich haben wir heute keine Journalisten interviewen können, die 1934 fürs Radio gearbeitet haben. Bei den Jüngeren bis 40 Jahre waren zum Zeitpunkt der Interviews zwischen September 2021 und Januar 2022 dann mehr Frauen dabei, sodass unser Sample die Entwicklung der Verweiblichung des Journalismus im Kleinen ganz gut widerspiegelt. Hier lässt sich einschränkend noch dazu sagen, dass eine junge Journalistin von 25 Jahren, die erst seit wenigen Jahren im Journalismus arbeitet, weniger über den Wandel der Branche sagen kann, als jene vornehmlich Journalisten mittleren Alters, die wir ebenfalls befragt haben.

Und trotz eines sich zum Teil dramatisch wandelenden medialen Umfelds, bleibt das Rollenverständnis der von uns befragten Journalistinnen und Journalisten stabil:

"Meine Selbstwahrnehmung hat sich überhaupt nicht verändert."

(J13)

Allerdings kommt in den Interviews durchaus zum Ausdruck, wie sehr sich die journalistische Arbeit wandelt und das der entscheidende Einschnitt vor KI die Auffächerung der gesellschaftlichen Kommunikation auf Plattformen darstellt.

"Das empfinde ich mittlerweile als viel, viel natürlicher, dass Social Media zum Teil der journalistischen Arbeit geworden ist und dass man eben auch für verschiedene Plattformen verschiedene Formate entwickelt. Das mache ich in meiner Arbeit auch.