Einleitung · Das Jahrhundert des Journalismus
Der Journalismus ist von großer Bedeutung für die gesellschaftliche Kommunikation und das Funktionieren der Demokratie. Aktuell erlebt er weitreichende Transformationsprozesse. Ist das „Jahrhundert des Journalismus“ (Birkner, 2010) vorbei, wie Siegfried Weischenberg (2010) prophezeite? Nein, aber der Journalismus ist heute selbstverständlich anders als noch vor einhundert Jahren, er ist vielfältig und vernetzt, global und multimedial!
Auf dieser Seite erzählen wir deshalb auch ganz multimedial die Geschichte des Journalismus in den vergangenen einhundert Jahren – und zwar rückwärts, von den aktuellen Herausforderungen zwischen Künstlicher Intelligenz und Krisen, Pandemie und Paywalls zurück über die ersten Jahre des Internets und der deutschen Wiedervereinigung, über das Fernsehzeitalter in Ost und West, die Zeit des Nationalsozialismus bis hin zur Erfindung des Radios vor über 100 Jahren (1924). Ei ist schwierig, eine Geschichte nicht chronologisch zu erzählen, hat aber den Vorteil, dass so die historischen Bedingungen rekonstruiert werden können, die den Journalismus der Gegenwart hervorgebracht haben.
Dabei sollen Schicht um Schicht die Charakteristika des Journalismus freilegt werden, sodass verständlich wird, warum er auch in Zukunft noch so wichtig sein wird.
Diese Zukunft aber ist ungewiss. Von heute aus betrachtet liegen unterschiedliche Zukünfte vor uns, auch vor dem Journalismus. Um das besser verstehen zu können, hilft das Rückwärtserzählen, denn im „Rückwärtsgang werden Möglichkeiten, Abzweigungen und Chancen freigelegt oder analytischer gefasst, [...] um ‚Gegenwart‘ und ‚Zukunft‘ im Plural zu denken“ (Körte, 2019, S. 3). Damit wird dem aktuellen Zustand des Journalismus seine Zwangsläufigkeit genommen und seine Zukunft erscheint offen.
Ich bin Thomas Birkner, Journalismus-Professor, und ich habe vor einigen Jahren Geld von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bekommen, um das „Jahrhundert des Journalismus“ erforschen zu können. Dafür auch an dieser Stelle herzlichen Dank. Und ich habe mich mit meinem Team ganz bewusst für dieses Experiment entschieden, die Geschichte eben rückwärts zu erzählen, um weniger eine Geschichte der Vergangenheit zu erzählen als vielmehr eine Archäologie der Gegenwart.“ Zum Team gehören:

Annika Keute, die als Projektmitarbeiterin vor allem die hier vorgestellten Daten verantwortet,

Konsti Schätz, der beim Thema Scrollytelling sofort Feuer und Flamme war und nun, wie auch

Anna Mavrikou, jede Menge Content Management Systeme beherrscht, und

Jana Eglseer, die sich vor allem um das KI-Kapitel verdient gemacht hat.

In der folgenden Darstellung sind jeweils große Kapitel dem SPIEGEL als Jahrhundertinstitution gewidmet, Marion Dönhoff von der ZEIT als Jahrhundert-Journalistin und der modernen Nachricht als journalistischer Jahrhunderterfindung. Wir haben in unserem DFG-Projekt mit Journalistinnen und Journalisten aus unterschiedlichen Generationen gesprochen und mit ihnen über den Wandel des Journalismus gesprochen. Außerdem haben wir empirische Daten zum Nachrichtenjournalismus der vergangenen 100 Jahre erhoben. Ein besonderes Augenmerk legen wir mit dieser Geschichte auf die Entwicklung des journalistischen Storytellings und auf die Entwicklung der „Nachricht“ (Weischenberg & Birkner, 2015) im Wandel der Zeit. In dieser Nachricht beantwortet der Journalismus gleich zu Beginn die wichtigsten W-Fragen: Wer? Wie? Wo? Was? Wann? Warum?
Diese Fragen können wir natürlich auch an den Journalismus stellen:
Wer macht Journalismus?
Wie wird Journalismus gemacht?
Wo wird Journalismus gemacht?
Und weil sich das sehr nach einem Handwerk anhört, wollen wir zunächst einmal fragen: Was ist Journalismus? (zu Wann? und Warum? kommen wir später auch noch ;-)