Das Wichtigste steht am Anfang!
Die moderne Nachricht als Jahrhunderterfindung
Das Wichtigste steht am Anfang!
Es gibt zwei Arten, die Dinge zu erzählen: Von Anfang bis Ende oder direkt vom Ende her. Dann steht das Ergebnis im Anfang. Nehmen wir das Beispiel boy meets girls oder – im 21. Jahrhundert angekommen – girl meets boy oder girl meets girl oder boy meets boy….. Die Geschichte eines ersten Dates kann vom Treffen im Restaurant bis zum Kinobesuch erzählt werden, an dessen Ende sich beide küssen. Die kurze Textmessage an die beste Freundin aber wird ganz sicher lauten:
Uuuund wie wars??
Wir haben uns geküsst 😍😘
So funktioniert auch die journalistische Nachricht. Sie stellt die wichtigste Information ganz nach vorne, in den „summary lead“. Diese Form der Nachrichtenübermittlung entstand Ende des 19. Jahrhunderts im US-amerikanischen Journalismus und setztesich später auch in Westeuropa und schließlich weltweit durch. Sie gilt – und deshalb ist sie uns hier so wichtig – als Kernelement des journalistischen Textens. Die Regel, man müsse zunächst die wichtigsten W-Fragen (wer, was, wann, wo, wie, warum) gleich zu Beginn einer Nachricht klären, gilt unter Journalistenschülerinnen und -schülern als selbstverständlich. „Das Wichtigste gehört an den Anfang. Das ist im europäischen Journalismus anerkannt und in dieser Grundsätzlichkeit auch nicht strittig.“ (Hooffacker, & Meier, 2017, S. 70) Als Erklärung dienten zunächst die unsicheren Telegrafenleitungen, die es nahe legten, das Wichtigste gleich zu Beginn zu vermelden, falls die Leitung dann zusammenbrach (Pöttker, 2003; 2005).
Doch dann hätte diese „form of news“ (Barnhurst & Nerone, 2001) mit der Etablierung von sichereren Übertragungswegen für Nachrichten wieder verschwinden müssen. Der amerikanische Soziologe und Journalismusforscher Michael Schudson hat die Funktion dieses Nachrichteneinstiegs jedoch auf ein höheres Level gehoben:
The summary lead, much as we may take it for granted today, was a literary invention that asserted the journalist’s authority to define for readers the most important element of a news event.
Mit der Erfindung dieses Nachrichtenaufbaus, so Schudson, war es die Aufgabe des Journalismus, zu entscheiden, was denn das Wichtigste sei. Das ist eine bedeutende gesellschaftliche Weiterentwicklung, welche den Journalismus für die Gesellschaft so unentbehrlich macht. Nicht mehr die Mächtigen erklären, was das Wichtigste ist, sondern Journalist:innen übernehmen dies für die Bürger:innen. Deshalb werden die Reden von Politiker:innen von Journalist:innen beobachtet und sollte ein Neuigkeitswert gegeben sein, wird aus diesem Teil der Rede eine Meldung in den Nachrichten.
Die Erzählpyramide
Erzählstruktur im Journalismus
Falschherum!

Tatsächlich steht die Pyramide der journalistischen Erzählstruktur auf dem Kopf. „[I]m Nachrichtenjournalismus gilt das Prinzip der „umgekehrten Pyramide“. Das bedeutet, dass die wichtigsten Informationen an den Anfang gehören. Je unwichtiger die Information ist, desto weiter hinten sollte sie sich im Text finden.“ (Liesem, 2015, S. 56) Wieso?

Besonders einleuchtend erscheint diese Nachrichtenstruktur vielleicht im Sportjournalismus. Denn wir werden in den Sportnachrichten nicht erzählt bekommen, dass ein Fußballspiel stattgefunden hat, und zunächst angepfiffen worden wurde, wie es sich dann in den ersten 45 Minuten und dann in der zweiten Hälfte so entwickelte, um erst am Ende der Nachricht, in Text, Video oder Audio dann zu erfahren, wer denn das Spiel gewonnen hat. Nein, die zentrale Botschaft im Sommer 2014 war: Deutschland ist Fußball-Weltmeister!

Zu Beginn werden die W-Fragen (wer, was, wann, wo, wie, warum) beantwortet – also das Wesentliche. So wird es in der journalistischen Ausbildung seit Jahrzehnten gelehrt.

Zu sagen, dass dann nur Unwichtiges folgt, wäre aber wohl übertrieben. In der restlichen Pyramide geht es um Hintergründe und Details. Informationen werden konkretisiert. Der Puls der Leser*innen wird aber nicht mehr das Niveau vom einleitenden Paukenschlag erreichen.

It is the "inverted triangle", with all the essential information squat at the top, and the less relevant stuff dribbling down towards the end-point. It may have the "delayed drop" – a chatty, descriptive or intriguing first paragraph, which leads the reader in, until the real story is revealed a little later but it always answers the questions: Who? What? When? Where? Why? Sometimes it asks How? […] Beyond that, generations of news reporters and the training schools have little to add.
Der britische Journalist Andrew Marr schrieb dies 2005 in einer fast noch analogen Medienwelt, in der Nachrichten vor allem via Zeitungen, Radio und Fernsehen verbreitet wurden. Und Generationen von Nachrichtenreporter:innen hielten sich an die Struktur der umgekehrten Nachrichtenpyramide, welche die wichtigsten Fragen gleich zu Beginn beantwortet, auch weil sie das so auf der Journalistenschule gelernt hatten. Auch Lehrbücher, wie jenes von Modern News Reporting von Carl Warren aus dem Jahr 1934, legten viel Wert auf das Pyramidenprinzip.
Doch gilt dieses Prinzip auch noch im Digitalen? Schließlich sind die Möglichkeiten der Nachrichtenverbreitung im Netz enorm erweitert. Und so fragen wir uns auf der Basis der Forschung, ob nicht vielleicht die Netzstruktur des 21. Jahrhunderts die Nachrichtenstruktur des 20. Jahrhunderts auf den Kopf stellen oder noch weiter verändern könnte.
Doch im 20. Jahrhundert galt dieses Prinzip als sehr stabil. Die amerikanischen Journalismusforscher Kevin Barnhurst und John Nerone haben beobachtet, dass „the capacity to change news design had been available for quite some time, but journalists considered the existing form of news fully functional” (Barnhurst & Nerone, 2001, S. 21). Es hat also, bis ins Zeitalter der Digitalisierung zumindest, keinen Anlass für Veränderungen im strukturellen Aufbau von Nachrichten gegeben. Hier stellt sich jedoch für uns die Frage, ob diese Stabilität auch für den deutschen Journalismus des 20. Jahrhunderts gilt. Denn die deutsche Geschichte weist schließlich einige harte historische Umbrüche, insbesondere jenen der Zeit des Nationalsozialismus, auf: Die nationalsozialistische Diktatur, der Zweite Weltkrieg, die totale Niederlage des Hitler-Regimes und die anschließende Teilung des Landes in West- und Ostdeutschland, auf der Ebene der journalistischen Nachrichten – kann der deutsche Journalismus überhaupt eine solche Kontinuität aufzeigen, wie etwa der britische oder der US-amerikanische Journalismus, der lange Zeit im weltweiten Journalismus und auch in der Wissenschaft als das große Vorbild galt. Silvio Waisbord (Waisbord, 2013, S. 505) (20103, S. 505) schreibt etwa von der „widespread conviction in academic scholarship during the post-war era according to which the US press was the crowning achievement of the long march of modern democracy.“ Das wurde schon damals bezweifelt und wird im 21. Jahrhundert in Zeiten von Trump und Fox News, Elon Musk und X noch stärker zu hinterfragen sein. Wir beschäftigten uns in dem Projekt unter anderem und doch auch vor allem mit der Frage, ob sich das Pyramidenprinzip über die vergangenen 100 Jahre stabil zeigte, und wir wollen entsprechend diesem Prinzip das Wichtigste schon jetzt klären: Ja, das Prinzip der umgekehrten Pyramide bleibt über Krieg und Diktatur hinweg eine Konstante im deutschen Journalismus. Horst Pöttker (2003, 2005) sah das Pyramidenprinzip Anfang des 20. Jahrhunderts im Journalismus etabliert, wenn 30 Prozent der Artikel mit mehr als 50 Wörtern diesem Nachrichtenaufbau folgten (Birkner, 2012; 2016). Wir haben mit unserem Forschungsinstrument, bzw. mit unserem Forschungsinstrumenten (siehe hierzu das Kapitel Methoden) herausgefunden, dass in den vergangenen zehn Jahrzehnten der Anteil von Nachrichten, die diesem Prinzip folgten, zumeist über 40 Prozent in den untersuchten Medien lag. Wir haben uns dabei auf die ersten 300 Zeichen konzentriert, was in etwa 50 Wörtern entspricht. Und tatsächlich, auchs das sei hier schon verraten, waren es nicht etwa die Nationalsozialisten oder die DDR-Führung, welche den Journalismus deformierten, sondern es sind die aktuell mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen im medialen Ökosystem des Journalismus, die diesen herausfordern. Wieso aber nur 30 oder 40 Prozent von allen Artikeln in einer Zeitung? Und wieso überhaupt nur Zeitungsartikel? Die zweite Frage ist recht schnell beantwortet. Im Medium Zeitung wurde das journalistische Nachrichtenschreiben nach dem Pyramidenprinzip erfunden. Die Zeitung gibt es schon seit 1605, auch wenn Sie zu Beginn keineswegs etwa mit Journalismus zu tun hatte (Birkner, 2012). Zum Ende des 19. Jahrhunderts aber begann zunächst der amerikanische Journalismus, wie gesagt, bei Nachrichten nach diesem Prinzip zu texten (Pöttker, 2003; 2005) und der Journalismus in Deutschland hatte dies zu Beginn des 20. Jahrhunderts ebenfalls übernommen. Allerdings, und damit kommen wir zur zweiten Frage, nur bei Nachrichten. Der Journalismus und die Journalismusforschung unterscheiden so genannte Darstellungsformen. Unter Darstellungsformen verstehen wir verschiedene Formen von Texten, die sich im Journalismus herausgebildet haben. In seinem Buch Nachrichtenjournalismus hat der Journalismusforscher Siegfried Weischenberg (2001, S. 49–-77) die Darstellungsformen wie folgt unterteilt:
• Nachrichten-Darstellungsformen (Meldung und Bericht) • Meinungs-Darstellungsformen (Glosse, Lokalspitze, Kommentar, Leitartikel) • Unterhaltungs-Darstellungsformen (Reportage, Feature)
Außerdem nennt er noch das Interview als spezielle Darstellungsform. Die so genannten Darstellungsformen funktionieren als „Chiffre für ein erwartbares kommunikatives Geschehen“ (Pörksen, 2006, S. 193) zwischen den Journalist:innen, die die Texte schreiben, und den Leser:innen, die diese konsumieren und eine entsprechende Erwartung gegenüber dem Text haben: „Die Erwartung einer stringenten Argumentation in meinungsbetonten Darstellungsformen wie dem Kommentar, um die Erwartung einer ansprechend formulierten, mit subjektiven und erzählenden Elementen versetzten Beobachtung in der Reportage und um die Erwartung einer neutralen Berichterstattung in den Nachrichtendarstellungsformen, die gleich zu Beginn die zentralen Informationen präsentieren.“ (Birkner, 2012, S. 59-60) Dabei gilt insbesondere auch die Trennung von Nachricht und Kommentar, also sozusagen von den Tatsachen und ihrer Interpretation, als entscheidende Entwicklung in der Journalismusgeschichte.