Der Spiegel 2
Die Bundeskanzler nehmen im politischen Gefüge der Bundesrepublik einen besonderen Platz ein. Einem politischen Magazin wie dem SPIEGEL konnte es deshalb nie egal sein, wer das Land politisch führte. Das Verhältnis von politischem Führungspersonal zu den Medien ist relevant für die Kommunikationswissenschaft und insbesondere für die Journalismusforschung. Anders als weite Teile der Bevölkerung schauen Politikerinnen und Politiker „nicht durch das Fernglas, wenn sie die Zeitung aufschlagen, sondern in den Spiegel“ (Marcinkowski 2015, S. 92), im wahrsten Sinne des Wortes. Die Frau oder der Mann an der Spitze der Regierung steht in besonderem Fokus der Medien und nicht selten hat sich gerade der SPIEGEL auch am jeweiligen Kanzler abgearbeitet. Zwar ist es in Deutschland nicht so, dass der SPIEGEL oder die BILD den Kanzler machten, wie dies gelegentlich für die Kronen Zeitung in Österreich behauptet wird: „Den Kanzler macht die Kronen Zeitung“ (Lackner, 2008). Der SPIEGEL ist sicherlich nicht der „Endgegner“ (Birkner, 2024, S. 44) für die Bundeskanzler wie in Österreich, und doch hatten die deutschen Bundeskanzler in der Regel ein spezielles Verhältnis zum SPIEGEL, von Merz bis Adenauer. Und so ist auch die Chronik zu 70 Jahre SPIEGEL, von 1947 bis 2017 ebenfalls nach den Amtszeiten der (west)deutschen Bundeskanzler strukturiert (Brinkbäumer, 2017).




Oft waren Interviews mit den Kanzlern Anlass für Titelbilder, etwa mit Merz, mit Scholz oder mit Merkel. Nur mit Kohl gab es keine Interviews – dazu gleich mehr. Bei Merz ging aus seinem SPIEGEL-Interview Ende April 2026 vor allem sein weinerliches Zitat, darüber, wie er auf Social Media angegriffen und herabgewürdigt werde, viral: „kein Bundeskanzler vor mir hat so etwas ertragen müssen.“ (Hyperlink gesetzt) Bezogen auf seine unmittelbaren Vorgänger Scholz und Merkel ist dies sicherlich auch auf die digitalen Plattformen bezogen eine verzerrte Wahrnehmung, nach nur etwas mehr als einem Jahr im Amt. Man denke an die Proteste gegen Scholz wegen des Ukraine-Krieges oder gegen Merkel in der Corona-Pandemie und der so genannten Flüchtlingskrise.




Anlässlich der Veröffentlichung ihrer Erinnerungen schaffte es Angela Merkel 2024 noch einmal auf den Titel des SPIEGEL. 2015, auf dem Höhepunkt der so genannten Flüchtlingskrise, nannte der SPIEGEL sie „Mutter Angela“. Auch der SPIEGEL war für Geschlechterstereotype in der Merkel-Berichterstattung empfänglich. Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur seit 2023, betonte 2009 in seinem Buch die „gespielte Mädchenhaftigkeit“ Merkels (Kurbjuweit, 2009, S. 50). Als Merkel Kanzlerin wurde, schrieb der SPIEGEL über „Die Fremde“ (Spiegel 2005). In einer ersten Erwähnung im SPIEGEL wird die damalige DA-Pressesprecherin Merkel von Jürgen Leinemann als Person mit „fast rührender Aufrichtigkeit“ (Leinemann,1990) beschrieben.




Gerhard Schröder hatte es anders als seine Vorgängerin noch nicht mit Hass und Hetze auf Social Media zu tun, hatte adort aber auch noch keine eigenen Kommunikationskanäle. Schröders Aufstieg und Fall als „Medienkanzler“ (Meng, 2002) werden in erster Linie mit der BILD in Verbindung gebracht, aber auch der SPIEGEL war mal publizistischer Förderer (Rosumek, 2007, S. 262-263), mal scharfzüngiger Gegner:
Der Eindruck entsteht, der Kanzler käme zwischen Filmfestspielen und Karnevalsprinzen, zwischen Aids-Gala, Berlinale und Werder-Bremen-Jubiläum nur noch gelegentlich dazu, sein Amt wahrzunehmen.“ (Knaup et al., 1999, S. 24)
Und der Herausgeber Rudolf Augstein machte Schröder einige Monate nach seinem Wahlsieg gegen Kohl in einem Kommentar klar, dass, man ihn keinesfalls unterstützen werde, bloß weil man zuvor gegen Kohl geschrieben hätte. Programmatisch hier fest: „Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein.“ (Doerry & Janssen, 2026, S. 480)



Und der Herausgeber Rudolf Augstein machte Schröder einige Monate nach seinem Wahlsieg gegen Kohl in einem Kommentar klar, dass, man ihn keinesfalls unterstützen werde, bloß weil man zuvor gegen Kohl geschrieben hätte. Programmatisch hier fest: „Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein.“ (Doerry & Janssen, 2026, S. 480)
Es gab endlose Titel ‚Kohl kaputt‘ in jeglicher Variante und der SPIEGELhat sehr intensiv und sehr systematisch, sehr kritisch über Kohl berichtet. Wenn ich das jetzt rückblickend betrachte, da hat man manchmal auch die Realität ein bisschen aus dem Blick verloren und hat sich fast nur noch, sozusagen, als Kampfinstrument gesehen. Das ist manchmal auch wirklich ein bisschen aus dem Ruder gelaufen. (Aust zitiert nach Barich & Weidmann, 2010)
Und der Herausgeber Rudolf Augstein machte Schröder einige Monate nach seinem Wahlsieg gegen Kohl in einem Kommentar klar, dass, man ihn keinesfalls unterstützen werde, bloß weil man zuvor gegen Kohl geschrieben hätte. Programmatisch hier fest: „Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein.“ (Doerry & Janssen, 2026, S. 480)
Für die Intellektuellen in der Bundesrepublik Deutschland, für seine politischen Gegner und auch für viele seiner Parteifreunde ist dieser Mann stets eher eine Lachnummer gewesen als ein ernsthafter Kanzlerkandidat. Tönendes Nichts, Zwei-Zentner-Null haben sie ihn genannt [...]. (Leinemann 1982)


Und der Herausgeber Rudolf Augstein machte Schröder einige Monate nach seinem Wahlsieg gegen Kohl in einem Kommentar klar, dass, man ihn keinesfalls unterstützen werde, bloß weil man zuvor gegen Kohl geschrieben hätte. Programmatisch hier fest: „Ein Journalist kann Freund des Politikers auf Dauer nicht sein.“ (Doerry & Janssen, 2026, S. 480)
Vorher war das Verhältnis durchaus besser und man profitierte voneinander (Schuler, 2010). Dem damaligen Chefredakteur Günter Gaus aber schrieb er 1969 Genesungswünsche in Krankenhaus, inklusive eines Seitenhiebs gegen die neue sozialliberale Regierung: „Wie ich immer sage, an allem ist die neue Regierung schuld, Soz bleibt Soz. Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen Ihr Helmut Kohl.“ (Zitiert nach Gaus, 2004, S. 305). Kohl war also nicht von vornhinein so negativ gegenüber dem SPIEGEL eingestellt, der SPIEGEL hatte sich die Kohlsche Abneigung durch seine jahrzehntelange Berichterstattung redlich verdient.
Sein Vorgänger Helmut Schmidt hingegen kam gut klar mit den Hamburger Blättern, wenn er auch mehr Distanz zum SPIEGEL hielt (Birkner, 2014) als zur ZEIT (link zum Dönhoff-Artikel). Das lag auch an der Persönlichkeit von Augstein, der auch gegenüber seinen Mitarbeitern stets distanziert auftrat (Doerry & Janssen, 2026, S. 14). Bei der ZEIT hingegen hatte Schmidt sehr enge Kontakte etwa zu Theo Sommer und zu Marion Gräfin Dönhoff, deren Herausgeberkollege er 1983 werden sollte, verband ihn eine Freundschaft – mit Augstein, trotz vieler Kontroversen, gegenseitiger Respekt. Jedenfalls schrieb der Hamburger Altkanzler 2002 im Gedenken an der verstorbenen Augstein: „Die tatsächliche Meinungsfreiheit in unserem Land verdankt ihre heutige Vitalität, das ist meine feste Überzeugung, zu einem unverzichtbaren Anteil dem Mut und dem Vorbild Rudolf Augsteins.“ (Doerry & Janssen, 2026, S. 496) In seinem Privatarchiv in Hamburg Langenhorn hing lange Zeit diese von mir im Rahmen meines Buches über Helmut Schmidt und die Medien (Birkner, 2014) angefertigte Collage mit Schmidt-Titeln vom SPIEGEL.




Ein besonderes Foto zum Verhältnis zum SPIEGEL zeigt Herausgeber Rudolf Augstein, Chefredakteur Erich Böhme und Wirtschaftsredakteur Wolfgang Kaden zu Besuch bei Schmidt in seinem Wochenendhaus am Brahmsee. Augstein erhebt zum Spaß das Beil in Richtung des deutschen Bundeskanzlers. Dessen Sicherheitsbeamte (nicht im Bild) verstehen keinen Spaß und richten ihre Pistolen auf Augstein (vgl. Birkner, 2014, S. 63). In der SPIEGEL-Affäre, die wir gleich noch behandeln, stand Schmidt an der Seite des Nachrichtenmagazins.

Augstein zu Besuch bei Schmidt, SPIEGEL-Titel mit Schmidt und Brandt 1974
Ein geradezu prophetischer SPIEGEL-Titelbild am 1. April zeigt einen zerknirschten Kanzler Willy Brandt vor der Silhouette Schmidts unter der Überschrift: „Wer rettet die SPD?“ Nur wenige Wochen später trat Brandt zurück und Helmut Schmidt wurde am 16. Mai 1974 zum Bundeskanzler gewählte. Brandt hatte, auch das ist wiederum durchaus aus seiner Persönlichkeit und seiner Mediensozialisation heraus erklärbar, hatte ein schwieriges Verhältnis insbesondere zu den Medien, die ihm politisch eigentlich nahestanden (Birkner & Krämer, 2016). Und so nannte er den SPIEGEL einmal in der SPD-Fraktion ein „Scheißblatt“ (Merseburger, 2009, S. 450). Besonders das Titelblatt mit dem brüchigen Denkmal habe ihn sehr verletzt schreibt der Augstein- und der Brandt-Biograf Peter Merseburger (2009, S. 450). Den SPD-Fraktionsvorsitzenden Herbert Wehner zitiert der SPIEGEL über Brandt mit den Worten „Der Kanzler badet gerne lau – so in einem Schaumbad“ (Der Spiegel 1973, S. 27). Das schlug damals große Wellen, auch wenn man da noch nicht von viral sprach. SPIEGEL-Chefredakteur Günter Gaus konnte Brandt ebenfalls scharf kritisieren und schrieb 1971 einen geradezu regierungsfeindlichen Kommentar 1971 unter der Überschrift „Warten auf den Kanzler“. Brandt schrieb ihm, er möge ihn vielleicht „für mimosenhaft“ halten, aber lange habe ihn nichts so getroffen wie „Ihr böses Wort vom Teilkanzler“ (Merseburger, 2004, S. 632; Gaus, 2004, S. 312). Dabei hatte Gaus intensiv für Brandts erste Kanzlerschaft und gemeinsam mit Augstein eine Woche vor der Bundestagswahl 1969 bekannt: „Wir wollen [...] einen Bundeskanzler Brandt an der Spitze einer Koalition aus SPD und FDP“ (Augstein, & Gaus, 1969; Gaus, 2004, S. 298) und zugegeben: „Der SPIEGEL unter meiner Chefredaktion galt als Regierungsblatt, basta.“ Man könnte also von einem ambivalenten Verhältnis zwischen dem SPIEGEL und Brandt sprechen, denn „in manchen Zeiten trägt der SPIEGEL massiv zur politischen Unterstützung Brandts bei, in anderen ist er das erste Blatt, das Brandt und seine Regierung kritisiert“ (Reifenberger, Schulze, & Thanscheidt, 2016, S. 145). Zum 100. Geburtstag von Willy Brandt schreibt der SPIEGEL über Augstein und Brandt und eine „wechselvolle Beziehung, in der es nur ein Kontinuum gab: Freunde waren sie nie.“ (Der Spiegel 2013b, Dafür spricht auch, dass Brandt Augstein in seinen Erinnerungen (Brandt, 2003) nicht einmal erwähnt.





Sein Vorgänger Kurt Georg Kiesinger wurde vom SPIEGEL bei seiner Wahl zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg als „Fernseh-Beau“ (1958, S.25) bezeichnet. Auch beim SPIEGEL wusste man, dass es sich bei Kiesinginger und Ludwig Erhard um Überganskanzler handelte, und hat sich nicht wahnsinnig viel mit ihnen beschäftigt.




Das Spiegel-Cover nach dem Wahlkampf 1953 aber zeigte Ludwig Erhard und nicht Kanzler Adenauer, den Herausgeber Augstein scharf bekämpfte, vermutlich noch härter sogar als später Kohl. Titelbild und Titelgeschichte feierten Erhard und nicht Adenauer, „getränkt mit Wohlwollen und Ehrerbietung“ (Hentschel 1996, S. 262) und dieses Lob für Erhard war Kritik an Adenauer. Im Konflikt mit Adenauer sieht Herbert Riehl-Heyse (1995, S. 38) Augstein „selbstverständlich – und das ist ja nicht unproblematisch bei einem Journalisten – als handelnde politische Figur und nicht als Beobachter.“ Damit stand er freilich nicht alleine da, denn neben Augstein und natürlich Axel Springer verstanden sich auch „Gerd Bucerius oder Henri Nannen als politische Gestalter“. Sie „agierten teilweise wie Politiker mit eigener Agenda und eigenen programmatischen Verlautbarungen. Folgerichtig waren oder wurden einige auch Politiker (Bucerius, Augstein) und scheiterten – wiederum folgerichtig – dabei; Medienlogik und politische Logik ließen sich nicht zur Deckung bringen.“ (Hoeres, 2010, S. 718)




Adenauer wiederum waren die Medien nicht egal, im Gegenteil, aber er hatte die Medienlandschaft des Kaiserreichs zur Jahrhundertwende noch erlebt, die Propaganda im Ersten Weltkrieg, die Polarisierung der Presse in der Weimarer Republik, die massive Medienlenkung im Nationalsozialismus. Er „kam aus einer Zeit von zum Teil enormer politischer Dominanz“) und verstand die Konstellationen eines „neu entstandenen Gleichgewichts zwischen Politik und Medien“ im Zuge der SPIEGEL-Affäre (Birkner, 2023, S. 15) nicht mehr. Die Medien der Bundesrepublik waren „seit der SPIEGEL-Affäre zusammengerückt“ (Hodenberg, 2006, S. 323-324) und kritisierten zunehmend „das autoritäre Auftreten des Kanzlers, die Gängelei der Medien im Namen nationaler Geschlossenheit und die kaum verhüllte Integration der Mitläufer und Täter“ (Hodenberg, 2002, S. 302). Damit hatte die SPIEGEL-Affäre auch ihren Anteil am Ende der Ära Adenauer. Vor allem aber war sie ein Kräftemessen zwischen Politik und Presse, mit dem Verteidigungsminister Franz Josef Strauß auf der einen dem SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein auf der anderen Seite.