DIE GESCHICHTE EINER JAHRHUNDERTINSTITUTION

Eigentlich kann keine journalistische Institution das Jahrhundert des Journalismus wirklich verkörpern. Denn, wie wir im Bereich über das methodische Vorgehen bei dieser Arbeit schreiben, ist kaum ein journalistisches Medium unbeschadet über den gewaltigen Bruch der Jahre 1933 bis 1945 hinweggekommen. Sowieso hatte es der Journalismus in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts schwer in Deutschland. Es scheint also folgerichtig und legitim, auf institutioneller Ebene ein Medium in den Mittelpunkt zu stellen, welches erst nach 1945 das Licht der Welt erblickte, den Journalismus in Deutschland aber mehr als jedes andere verkörpert: DER SPIEGEL.
Den SPIEGEL gibt es 2027 bereits seit 80 Jahren. Kann man sich als 80-Jähriger noch mal verändern? Aber sicherlich. Noch vor den Feierlichkeiten zum achtzigsten Geburtstag kündigt die Redakteurin Susanne Beyer an, der SPIEGEL wolle von nun an lösungsorientierten Journalismus machen. Dabei vermeidet sie vermutlich mit gutem Grund den Begriff Konstruktiver Journalismus, der in der Wissenschaft etabliert, aber im Journalismus umstritten ist, ja von weiten Teilen des etablierten Journalismus abgelehnt wird. Und so verwundert es nicht, dass Matthias Alexander (2026) dann in der FRANKFURTER ALLGEMEINEN ZEITUNG über den „konstruktiven Journalismus“ im SPIEGEL spöttelt und darauf hinweist, dass lösungsorientierter Journalismus schon seit Generationen betrieben werde.
. Vor diesem Hintergrund ist die umstrittene SPIEGEL-Titelgeschichte im August 2026 über den AfD-Spitzenkandidaten Ulrich Siegmund verständlich: Der gefährlichste Mann Deutschlands. Chefredakteur Dirk Kurbjuweit rechtfertigt den Titel nachträglich mit der Relevanz Siegmunds, und leider seien „die besonders relevanten Figuren oft Verderber, deshalb finden Sie Donald Trump und Wladimir Putin häufig auf dem Titel.“
Doch die Art und Weise, wie sich Meinungen ausbilden, hat sich verändert, seit es die sozialen Medien gibt. Aggressive, zugespitzte Posts dringen leichter durch als gemäßigte. Ein Journalismus, der sich in bewährter Tradition auf Missstände fokussiert, kann die negative Stimmung verstärken, auch wenn er das nicht beabsichtigt. Zur Wahrheit gehört noch dazu, dass Journalisten manchmal auch absichtlich einer Sensations- und Angstlust nachgeben, weil sie damit mehr Aufmerksamkeit generieren können als mit der Botschaft, dass etwas in Ordnung sei.
Drag to reveal the change.


Die Trump-Berichterstattung des SPIEGEL (und ganz insgesamt des deutschen Journalismus) war erst 2024 im SPIEGEL kritisch reflektiert worden. Im August verkündete der neue Chefredakteur Dirk Kurbjuweit, man wolle sich noch transparenter der Kritik an der eigenen Arbeit stellen. Hierzu hat er meinen Kollegen, den Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen gewinnen können (Kurbjuweits Einleitung zu Pörksens Gastbeitrag).
Pörksen analysierte die Berichterstattung des SPIEGEL über Donald Trump, noch vor dessen Wiederwahl im November 2024. Seine Kritikpunkte sind so wertvoll, weil sie nicht nur für den „SPIEGEL im Speziellen gelten (auch wenn ich sie hier an seinem Beispiel diskutiere), sondern für den Journalismus insgesamt“ (Pörksen, 2024a) – ein weiterer Grund, den SPIEGEL hier als pars pro toto für den Journalismus auch in unserem Projekt zu behandeln. Pörksen spricht vom Scheitern der Entzauberung des Medienmonsters Trump, denn „es gibt kein Entkommen. Das Medienmonster gewinnt immer, weil Aufmerksamkeit zum Wert an sich mutiert ist. Selbst im Versuch der Demontage und der Dekonstruktion ist man – mea culpa – Teil des Spiels.“ (Pörksen, 2024) Das haben auch amerikanische Kolleginnen und Kollegen sich bereits selbst diagnostiziert (Boczkowski & Papacharissi, 2018). Pörksen geht auch an die journalistische Substanz, etwa beim Thema Objektivität. Unter der Überschrift „Das Dilemma der Parteilichkeit“ schreibt er (Pörksen, 2024a):
Gegenwärtig gibt es einen Konflikt im Journalismus, der untergründig auch bei der SPIEGEL-Lektüre spürbar ist. Auf der einen Seite stehen die Kritiker des journalistischen Neutralitäts- und Objektivitätsideals, auf der anderen Seite seine Verteidiger. Die Kritiker fordern, man müsse den Demokratiefeinden mit anderer Härte entgegentreten, sich stärker ethisch-moralisch positionieren. Die Verteidiger entgegnen, dass die Rettung der Welt definitiv nicht zu den journalistischen Kernaufgaben gehört. Beide Positionen haben einen Punkt. Denn es ist ein Dilemma, um das es hier geht. Moralische Klarheit ist notwendig, wenn es um die Existenzgrundlagen des Zusammenlebens geht. Distanz wird gebraucht, wenn gute Absichten den Blick vernebeln. Vielleicht braucht es, so denke ich, im Angesicht der Zerbrechlichkeit der Welt eine Zwischenform, eine Mixtur der Positionen, die man engagierte Objektivität nennen könnte. Sich dem Ernst der Situation stellen, die eigenen Wahrheiten präsentieren, aber sich um eine andere Nahbarkeit, Berührbarkeit und Fehlertransparenz bemühen – darauf käme es mehr denn je an.
Zum Ende seines ersten Gastbeitrags schlägt Pörksen dann noch vor, „den alten Traum der Aufklärung noch einmal neu und anders unter radikal veränderten Kommunikationsbedingungen zu träumen, wissend, dass der Journalismus das Vertrauen seines Publikums unbedingt braucht.“ (Pörksen, 2024a)
Der Journalismus hat in den vergangenen Jahren tatsächlich einiges an Vertrauen verloren. Dieser Vertrauensverlust ist vielschichtig und komplex, im Falle des SPIEGEL allerdings auch ganz konkret mit einem Namen verbunden: Claas Relotius. Der sogenannte „Fall Relotius“ ist sicherlich einer der bedeutendsten Medienskandale in Deutschland im 21. Jahrhundert und löste eine heftige Debatte über den Journalismus aus. Nach dem Skandal hat der SPIEGEL sich noch einmal neue Regeln auferlegt bzw. seine Standards aktualisiert festgelegt und veröffentlicht. Und natürlich ist die Bitte des Chefredakteurs Kurbjuweit um öffentliche Kritik durch den Medien-Professor Bernhard Pörksen eine Folge des Skandals und gegebenenfalls auch eine verspätete Reaktion auf die damalige, vielleicht nicht vollständig gelungene Aufarbeitung des Falls durch den SPIEGEL. Über Jahre hatte Claas Relotius Reportagen gefälscht – nicht nur für den SPIEGEL. Dort aber galt er als echte Edelfeder, als Starreporter, der reihenweise Journalist:innenpreise sammelte (Fehrle, 2022). Das lag auch daran, dass Relotius genauso schrieb, wie es die Jurys von solchen Preisen nun mal mögen. Und wie es das SPIEGEL-Statut von 1949 vorschreibt: Denn darin heißt es:
Ulrich Fichtner war eigentlich vorgesehen für die neue Chefredaktion, gemeinsam mit Steffen Klusmann und Barbara Hans. Doch nun zog der SPIEGEL personelle Konsequenzen und durch die Nähe zu Relotius wurde Fichtner nicht Teil der neuen Dreierspitze. Der Fall Relotius fällt in generell turbulente Zeiten beim SPIEGEL. Klusmann und Hans beerben nun 2019 zusammen mit Clemens Höges Klaus Brinkbäumer, der seit 2015 Chefredakteur war und wiederum Wolfgang Büchner abgelöst hatte, der seit 2013 Chefredakteur war. Vor ihm waren, seit 2008, Georg Mascolo vom Heft DER SPIEGEL und Mathias Müller von Blumencron von SPIEGEL ONLINE gemeinsam Chefredakteure. Es war der Versuch, die beiden Medien unter einem Dach gemeinsam zu führen, was lange misslang und zu erheblichen Reibungsverlusten führte. Die Jahrzehnte zuvor waren dagegen geprägt von langjährigen Chefredakteuren wie Stefan Aust und dem Herausgeber des SPIEGEL Rudolf Augstein, der 2002 verstarb und über den Martin Doerry und Hauke Janssen 2026 eine neue Biografie geschrieben haben.
Die Riege ihrer Vorgänger liest sich wie eine Bestenliste des männlich dominierten deutschen Journalismus des 20. Jahrhunderts. SPIEGEL-Chefredakteure waren stets bedeutende Publizisten des Landes. Merseburger (2009, S. 503) wiederum schreibt über die Bedeutung von Augstein gegenüber seinen Chefredakteuren: „Die eher ‚politischen‘ Chefredakteure […] wechseln – auf Jacobi folgt Gaus, auf Gaus Böhme, auf Böhme zunächst Funk – aber immer behält sich Augstein das letzte Wort vor.“ Und Augstein selbst hat einmal über Johannes K. Engel und die anderen gesagt: „Wenn es in Deutschland einen Chefredakteur überhaupt gibt, der den Idealtypus des Nachrichtenmagazins in sich verkörpert, dann ist das Johannes K. Das ist nicht etwa Becker und ich, und das ist auch nicht Böhme oder Gaus, Funk wird es vielleicht werden, Jacobi ist es auch nicht. Engel ist es.“ (Augstein, zitiert nach Gaus, 2004, S. 285)
A section that carries the argument
Open with a sentence that earns the next one. Replace this with your own prose — the length and rhythm here are a guide for how the body will read.
Den Konflikt zwischen Print und Online, der den Journalismus überall und auch in Deutschland über lange Jahre prägte, zeichnete sich im Hamburg früh ab, denn die Marke SPIEGEL ONLINE war immer populärer geworden, während zugleich der gedruckte SPIEGEL immer weiter an Auflage verlor. Die Konfrontation zwischen Print und Online nannte Cordt Schnibben vom SPIEGEL damals den Streit von „Printstalinisten“ und „Onlinemaoisten“ (Schnibben zitiert nach Seibt, 2013). Und Constantin Seibt (2013) schrieb damals weitsichtig: „Der Kuchen wird kleiner, die Kuchenesser aggressiver. Heutige Print-Redaktionen sind ähnlich gemanagt wie ein Roman von Agatha Christie: Das Personal schrumpft mit Fortschreiten der Handlung. (Nur dass der Mörder nicht der Butler, sondern die eigene Verlagsetage ist.)“ Der Einfluss von SPIEGEL ONLINE als Leitmedium des deutschen Journalismus ist Mitte der 2000er enorm. Julia Bönisch (2006, S. 143) schreibt dazu: „Mit einer Reichweite von über 95 Prozent erreicht das Angebot so viele Redakteure wie kein anderes Online-Medium in Deutschland. Nur etwa 4 Prozent nutzen die SPON-Seiten nicht – man kann gar nicht genug betonen, wie außergewöhnlich gut dieser Ergebnis ist.“ Der Durchbruch von SPIEGEL ONLINE ist eng mit einem zentralen Ereignis der Weltgeschichte verknüpft. Als am 11. September 2001 zwei Flugzeuge ins New Yorker World Trade Center rasen, war dieser Terrorakt zugleich ein weltweites Medienereignis. SPIEGEL ONLINE verzeichnete im September 2001 rund 81,4 Mio. Page Impressions (PI) bzw. 20,41 Mio. Visits – ein Plus von 87 Prozent (44,4 Prozent) gegenüber dem Vormonat. Damit lag SPIEGEL ONLINE zum ersten Mal sowohl nach PIs als auch nach Visits an der Spitze der News-Angebote im Internet. (Quelle: Mitarbeiterzeitung SPIEGEL-Info 10/2001). Wäre das der richtige Moment gewesen, um die Hand aufzuhalten und das nachrichtenhungrige Publikum für die aufwändig recherchierten news zur Kasse zu bitten? Vielleicht....
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Aber auch das Heft (38/2001) zu den Anschlägen mit dem Titel„Der Terror-Angriff. Krieg im 21. Jahrhundert“ ist das erfolgreichste in der Geschichte des SPIEGEL (Auflage: 1 416 237 Exemplare). Damals erschien der SPIEGEL noch montags. Aber anlässlich der Anschläge wurde die Produktion vorgezogen und die Ausgabe wurde bereits am Samstag ausgeliefert. Sie war in kurzer Zeit am Kiosk ausverkauft. Dass sich das Nachrichtengeschäft und damit die finanzielle Grundlage des Journalismus nachhaltig ins Netz verlagern würde, war vermutlich noch nicht vollständig absehbar. Der SPIEGEL jedenfalls baute SPIEGEL ONLINE aus, allerdings ohne eigenes Erlösmodell.
Entscheidend für den Durchbruch von SPIEGEL ONLINE war insbesondere, dass der Verlag weiter ordentlich investiert hatte und nicht wie einige andere Verlage, die Investitionen bei der ersten Dotcom-Krise zurückgefahren. Im Jahr 2000 hatten der Herausgeber Rudolf Augstein und Chefredakteur Stefan Aust, so eine Dotcom-Boom-Anekdote, die Frank Patalong (2024) in einem Artikel zu 30 Jahre SPIEGEL ONLINE zum Besten gibt, Investmentbanker aus London in Hamburg zu Gast, welche SPIEGEL ONLINE an die Börse bringen wollten:
Der Chefredakteur der 1990er -Jahre, Stefan Aust, ist jedoch weniger mit Online verbunden als mit dem Fernsehen, denn er machte seit 1988 SPIEGEL TV. Das ist aus der Sicht seiner Generation die Zukunft, das bewegte Bild mit der ihm unterstellten Wirkmächtigkeit. Eine Wirkmächtigkeit, die zuvor dem gedruckten SPIEGEL zugesprochen wurde. Die 80er- und 70er-Jahre sind eine Zeit der Dominanz des SPIEGEL im politischen Diskurs in Deutschland, das Blatt wird gefürchtet von der Politik aber auch respektiert in breiten Teilen der Bevölkerung.
Der SPIEGEL war in den 1980er- und 1970er-Jahren, trotz der Konkurrenz durch das Fernsehen, auch insofern Leitmedium, als dass er Themen setzen konnte. Die Frankfurter Rundschau etwa schreibt 2019 (Wille, 2019):
Der Kölner Dom steht in der Nordsee. Zur Hälfte überflutet, nur noch das Kirchendach und die Türme ragen aus den Fluten heraus. Das war das „Spiegel“-Cover, mit dem in Deutschland im Sommer 1986 die Medienkarriere des Themas Klimawandel begann. Die Macher des Magazins waren dabei nicht zimperlich. Sie riefen in Großbuchstaben „DIE KLIMAKATASTROPHE“ aus – Untertitel: „Ozon-Loch, Pol-Schmelze, Treibhaus-Effekt, Forscher warnen“.

Entscheidend für den Durchbruch von SPIEGEL ONLINE war insbesondere, dass der Verlag weiter ordentlich investiert hatte und nicht wie einige andere Verlage, die Investitionen bei der ersten Dotcom-Krise zurückgefahren. Im Jahr 2000 hatten der Herausgeber Rudolf Augstein und Chefredakteur Stefan Aust, so eine Dotcom-Boom-Anekdote, die Frank Patalong (2024) in einem Artikel zu 30 Jahre SPIEGEL ONLINE zum Besten gibt, Investmentbanker aus London in Hamburg zu Gast, welche SPIEGEL ONLINE an die Börse bringen wollten:
Zu Teil 2

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